Lawine
| Titel: | Lawine | ![]() |
| Untertitel: | Die 10 entscheidenden Gefahrenmuster erkennen | |
| Autoren: | Rudi Mair, Patrick Nairz | |
| Verlag: | Tyrolia-Verlag 2010 | |
| Seiten: | 216 | |
| Preis: | 27,95 € | |
| Für wen: | Für alle, die im winterlichen Gebirge unterwegs sind und sich näher mit dem Thema Lawinen befassen möchten | |
| Wo: | online beim Panico-Alpinverlag |
Rezension:
Die Einschätzung der Lawinengefahr gehört zu den komplexesten Themen, mit denen sich Bergsportler auseinandersetzen müssen. Viele verschiedene Einflussfaktoren müssen beachtet und in der richtigen Gewichtung eingeordnet werden. Die Lawinenkunde erfordert ein hohes Maß an Erfahrung und Wissen. Erfahrung in diesem Themenbereich zu sammeln kann jedoch sehr gefährlich sein, daher ist es unbedingt notwendig von den Erfahrungen anderer zu profitieren. Und genau das ist das größte Plus an diesem Buch - ein riesiger Erfahrungsschatz, der hervorragend aufbereitet für die breite Leserschaft zur Verfügung steht.
Die beiden Autoren Rudi Mair und Patrick Nairz sollten jedem Tourengeher, der schon mal in den Tiroler Bergen unterwegs war ein Begriff sein. Seit über 10 Jahren steht unter jedem Lawinenlagebericht für Tirol einer der beiden Namen. Sie leiten die Tiroler Lawinenwarnzentrale und erstellen die tägliche "Prognose" der Lawinengefahr. Aber nicht nur das. Wenn irgendwo im Bundesland ein Lawinenabgang mit Personenbeteiligung gemeldet wird bekommen sie die Fakten auf den Tisch - oftmals untersuchen sie die Unfälle sogar selbst.
Die unzähligen, von ihnen analysierten Lawinen, haben sie nun versucht in 10 Schubladen einzuordnen. 10 Gefahrenmuster nennen sie die idealisierten Schemata nach denen Lawinenabgänge in "98 % der Fälle" kategorisiert werden können. Bei der Lektüre des Buches wird allerdings deutlich, dass dies nicht immer so einfach ist, wie es auf den ersten Eindruck scheint. Obwohl versucht wurde eindeutige Beispiele zu finden wird schon daran deutlich, dass Grenzfälle und Mischformen durchaus vorkommen können. Man kann annehmen dass dies in der Gesamtheit häufiger vorkommen wird.
In wieweit die Darstellung der beiden Experten als konkrete Entscheidungshilfe in der Praxis auf Skitour taugt muss sich ebenfalls erst noch erweisen. Hinterher ist es natürlich immer leichter festzustellen, welches Gefahrenmuster nun zum Abgang einer Lawine geführt hat, aber wenn man vor einem Hang steht sieht die Sache oftmals anders aus. Zwar sind die Lawinenlageberichte in den Alpen inzwischen meist so treffsicher, um eine halbwegs verläßliche Aussage zu treffen, welche Arten von Lawinen zu erwarten sind, bzw. wodurch sie ausgelöst werden können. Auch auf einige der hier aufgeführten Gefahrenmuster wird oft explizit hingewiesen, trotzdem ist die Treffsicherheit für den Einzelfall von 100% oft ein gutes Stück entfernt. Eine aussagekräftige eigene Schneedeckenuntersuchung wird aber auch weiterhin nur wenigen Experten zuzutrauen sein. Und anders lassen sich einige der Gefahrenmuster vor Ort nicht erkennen. Die Basis wird daher für die breite Masse weiterhin die gängige Risiko-Beurteilung anhand der Risiko-Management-Hilfsmittel (Snowcard, Stop or Go, Reduktionsmethode...) darstellen. Der "Gefahrenmuster-Katalog" ist allerdings ein Baustein, um die Einzelfallbeurteilung noch weiter zu verfeinern.
Der Inhalt des Buches gibt einen guten Überblick über die wichtigsten Grundlagen der Lawinenkunde und erläutert diese sehr anschaulich anhand tatsächlicher geschehener Fallbeispiele. Was meiner Meinung nach eindeutig zu kurz kommt sind die "positiven" Signale, die für eine Stabilität der Schneedecke sprechen. Bei der Lektüre des Buches hat man den Eindruck, dass es eigentlich den ganzen Winter überall nur gefährlich sein kann. Damit wird eine Entscheidung nicht gerade erleichtert, denn der Tourengeher möchte natürlich auch draußen unterwegs sein. Konkrete Hinweise, welche Alternativen bei den entsprechenden Gefahrenmustern bestehen werden nur recht unsystematisch eingestreut - hier wäre noch Verbesserungspotential.
Trotzdem hat diese Sichtweise natürlich den Vorteil, dass der Tourengeher ehrliches "Feedback" bekommt, wie eine Situation enden kann. Die allermeisten Rückmeldungen aus der Schneedecke sind ja immer "hat gehalten", wodurch die Instinkte nicht unbedingt in der richtigen Weise geschärft werden. Nur der Abgang einer Lawine gibt mir die Gewissheit, dass es gefährlich war und die Erfahrung kann man nur mit Glück (durch eigene, glimpflich verlaufene Lawinenerfahrungen) oder eben durch das Lernen aus dem Unglück anderer machen. Das ist für mich persönlich der größte Wert dieses Buches und alleine deswegen ist die Lektüre schon lohnenswert (und auch ungemein spannend). Ob man dann das Gefahrenmuster-Schema in sein Repertoire der Lawinenbeurteilungsinstrumente mit aufnimmt ist nochmal eine andere Entscheidung.
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