Kommentare zu Politik und Wirtschaft

Geiz ist Gift

Viele Witze existieren in Deutschland über die Schotten und deren sprichwörtlichen Geiz. Darin macht sich der scheinbar großzügige Mitteleuropäer über den Hochlandbewohner im Kilt lustig, der jeden Penny zweimal umdreht und ständig überlegt, wo er Geld sparen kann. In der Realität haben die Deutschen den Schotten aber schon lange den Rang abgelaufen. „Geiz ist geil“ in diesem unseren Lande und dieser Werbeslogan eines großen Händlers billigen Elektronikschrotts ist zum Wahlspruch einer ganzen Generation geworden.

Eine „Ausrede“ für seinen individuellen Geiz hat jeder Bürger schnell parat: Die wirtschaftliche Situation zwinge zum Sparen. Dies mag sicherlich für einige Leute zutreffen - wer jedoch mit offenen Augen und Ohren unterwegs ist, dem wird auffallen, dass insbesondere diejenigen ganz besonders auf ihrem Geld sitzen, die es offensichtlich nicht notwendig hätten oder den Geiz zum Selbstzweck betreiben. Hierdurch finden teilweise erhebliche Ressourcen-Verschwendungen statt, die volkswirtschaftlich schädlich sind. Hierzu einige Beispiele:

1. Bei Einwohnern grenznaher Gebiete ist aufgrund aktueller Preisunterschiede der Tanktourismus sehr beliebt. Nicht wenig fahren mehr als 30 km einfach Strecke nur so zum Tanken, nur weil der Sprit hinter der (Steuer-) Grenze 10, 15 oder 20 Cent (in den östlichen Nachbarländern sogar noch mehr) billiger ist. Hochgerechnet auf eine Tankfüllung von 50 Liter macht das bis zu 10 Euro aus, die für weniger zu bezahlen sind. Dass für die 60 km aber nicht nur etwa 3 - 6 Liter zusätzlicher Spirt benötigt werden (Kosten: 4 - 8 Euro!) sondern das Auto zusätzlich mit (Reifen-)abnutzung, Wertverlust, zusätzliches Unfallrisiko etc. belastet wird, bedenkt kaum jemand. Somit ergibt sich allein rein rechnerisch bereits ein Verlust. Die nicht-monetären Faktoren wie zusätzliche Umweltverschmutzung, Zeitverschwendung und Stressfaktor (wer einmal an einer völlig überfüllten Grenztankstelle gestanden hat dürfte hier ein Lied davon singen können) noch gar nicht eingerechnet. Durch diesen Tanktourismus gehen der eigenen Volkswirtschaft immense Summen verloren. Im Kleinen sieht man es vielleicht am besten daran, dass der Tankstellenpächter nebenan nichts mehr verdient und dadurch auch beim Bäcker nebenan keine Semmeln mehr kauft, sondern die (fast ungeniessbaren) Billig-Semmeln vom Discounter holt. „O.k.“ denkt sich vielleicht der brave Bürger, „dann hat wenigstens der Herr-Discounter-Betreiber in Mühlheim an der Ruhr oder in Heilbronn sein Geld verdient“.

2. Die Discouter-Ketten sind allerdings bereits das nächste Beispiel. Wenn der Einkäufer einer Discounter-Kette beispielsweise mit einem Molkereibetrieb einen Liefervertrag aushandelt, dann werden die Bedingungen von dem Einkäufer vorgegeben. Falls die Molkerei darauf nicht eingeht riskiert sie, dass der Discounter in der Nachbar-Molkerei Butter und Milch kauft und diese dann zu Billigpreisen in einer neuen Filiale neben den eingesessenen Lebenmittelgeschäften (die bisherigen Kunden der Molkerei) anbietet, die dann bald darauf dicht machen müssen. Für viele Zulieferbetriebe stellen die Verträge mit den Discountern nur einen durchlaufenden Posten dar - der Betrieb läuft, Gewinne werden dadurch jedoch in den seltensten Fällen möglich. Dafür versucht nun der Zulieferer auf seiner Kostenseite mit allen Tricks einzusparen - also werden (im Falle der Molkerei) die Milcheinkaufspreise gedrückt - oder die Milch aus dem fernen, etwas billigeren Ausland herangekarrt. Der Einkauf bei den Discountern macht im Endeffekt nur deren Eigentümer reicher (die im übrigen allesamt zu den Reichsten Personen Deutschlands gehören) dafür werden durch ihre Knebelverträge aber viele Lieferanten zielsicher in die Pleite getrieben. Dafür verschwindet immer mehr Geld in z. B. Philippinischen Textil-Fabriken, damit möglichst viel Schund-Ware (die dann nur gekauft wird, weil sie billig ist, nicht weil man sie braucht) die Regale der Discounter füllen kann.

3. Seit dem sich der Verkauf übers Internet etabliert hat, finden der Schnäppchenjäger nun ein weiteres Jagdrevier. Stundenlang surft er durchs Weltweite Netz, nur um ein Produkt einige Euro günstiger zu ergattern als im Fachgeschäft nebenan. Anstatt der dort angebotene Beratung klaubt er sich das notwendige Wissen ebenfalls mühsam im Netz zusammen, auf den Hersteller-Seiten und in Foren und Newsgroups bekommt er ja alles was er wissen muss - mit entsprechender Erfahrung kann er auch die falschen Infos zum großen Teil herausfiltern. Der Zeitaufwand ist immens - stundenlang hängt er vor dem Bildschirm, bis er endlich die Bestellung tätigt. Auch etwaigen Ärger mit der Online-Bezahlung nimmt er gerne in Kauf, nur um nach einigen Tagen Wartezeit bis zum Eintreffen festzustellen, dass er inklusive Versandkosten nahezu den gleichen Preis bezahlt hat, den er auch im Fachgeschäft hätte haben können. Jetzt kann unser Schnäppchen-Spezialist nur noch hoffen, dass seine Neuerwerbung zuverlässig funktioniert - ansonsten warten endlose Warteschleifen in den kostenpflichtigen Support-Hotlines. Dieses etwas überspitzte Extrembeispiel soll nicht bedeuten, dass die Internet-Angebote generell schlecht sind - für viele bedeutet Internet-Kauf jedoch schon von vorneherein „preiswerter und vorteilhafter“ als im realen Ladengeschäft und es wird sehr viel Zeit damit verschwendet, indem der Großteil der Angebote garnicht mehr wahrgenommen wird. Andererseits ist oft das Jammern groß, wenn keine Fachgeschäfte mehr in der Nähe sind, in denen man sich umsehen kann (und wo man die Ware schnell noch vor der Internet-Bestellung anprobieren kann). Eine etwas weitsichtigere Denkweise würde vielen oft nicht schaden. Dass auch hier wieder Kaufkraft aus dem eigenen Einzugsbereich wegtransferiert wird sollte nach den beiden erstgenannten Beispielen nicht mehr extra erwähnt werden müssen.

Diese drei Beispiele verdeutlichen, dass für viele der Geiz keine Notwendigkeit darstellt, sondern häufig zum reinen Selbstzweck betrieben wird. Perverserweise prahlen viele Geizhälse hinterher sogar noch damit wo sie welches Schnäppchen wie billig erstanden haben, anstatt sich dafür zu schämen, dem eigenen Umkreis (und langfristig meist auch sich selbst) zu schaden. Leider reicht bei den wenigsten der Durchblick nicht, um die Folgen des eigenen Handelns zu erkennen.

Ein Umdenken in den Köpfen der Menschen könnte sehr viel bewirken - würden alle ihr Geld bewußt ausgeben und qualitative Kriterien über den reinen Preis hinaus wieder vermehrt berücksichtigen, hätten wir viele Probleme nicht. Es muss nicht einmal mehr Geld ausgegeben werden, nur sinnvoller - und auf einen Schlag würde sich unsere Wirtschaft beleben. Anstatt mit seinem teuren Auto ständig ins Ausland zum Tanken zu fahren würde es auch einige Tausend Euro günstigeres (das genauso fährt - und spritsparender ist) tun, dann bleibt sogar noch Geld übrig und man spart viel Zeit. Anstatt beim Discounter 4mal im Jahr ein Ramsch-Hose zu kaufen, die ich jeweils nach 3 Monaten wegwerfen muss, kann ich mir auch eine Qualitätshose zum 4fachen Preis im Fachgeschäft kaufen, produziere weniger Müll und der Fachhändler hat ebenfalls etwas verdient, das er wieder am heimischen Markt ausgeben kann.

Der Geiz ist meist eng gekoppelt mit Gier - je reicher jemand ist, umso weniger kann er den Hals voll bekommen. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass schwerreiche Konzernvorstände nach ihrem oft unrühmlichen und durch eigene Fehler verursachten Ausscheiden noch jahrelange gerichtliche Prozesse über die Höhe der Abfindung führen, obwohl sie locker bis an ihr Lebensende mit ihrem Vermögen auskommen können. Aber auch bei weniger extremen Beispielen zeigt sich die zunehmende Gier in unserer Gesellschaft. Gut bezahlte Ingeniere oder Betriebswirte in sicheren Positionen und ohne die geringsten Existenzsorgen feilschen im Fachgeschäft um jeden Cent, werden zum Internet-Schnäppchenjäger oder fahren extra ins Ausland zum Einkaufen, weil es dort (angeblich) billiger ist. Man fragt sich „Was wollen die mir ihrem Geld machen?“ Viele sehen sich natürlich viel in einen Statuswettkampf eingebunden, wo sie ihr Selbstwertgefühl direkt an die Höhe ihres Einkommens und Vermögens oder an der PS-Zahl ihres Autos binden. Deshalb wird versucht, alles diesem Statusstreben unterzuordnen - und merkt nicht, daß man sich dadurch lächerlich macht.

Auch Großzügigkeit kann ein hohes Ansehen und einen gewissen Status verleihen - leider erntet man heutzutage oft nur noch Unverständnis, wenn man einmal etwas mehr Trinkgeld hergibt als 50 Cent oder wenn man im Fachgeschäft nicht um Prozente feilscht wie am orientalischen Basar. Es sollte wieder eine Kultur der Großzügigkeit und Genügsamkeit entstehen. Wer hohes Ansehen genießt und nicht auf seinem Geld hockt wie die Glucke auf ihren Küken, wer sich mit dem zufrieden gibt, was er hat und auch anderen etwas vergönnt klinkt sich aus dem Statuswettlauf aus und trägt ein kleines Stück dazu bei, daß sich die Geizmentalität wieder auf ein „unterschottisches“ Niveau einpendelt.

Links: Geiz ist giftig

 

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