Markus Stadler

Blog Klettern, 19.07.2017

Fiechtl/Weinberger am Predigtstuhl

Alpiner Klassiker durch die Westwand


Tiefblick aus der Predigtstuhl-Westwand "Fiechtl-Weinberger".

In den letzten Wochen war die Ausbeute an Klettertagen rar. Die Arbeitswochen waren prall gefüllt und die freie Zeit gehörten der Familie und ehrenamtlichen Einsätzen, wie einem Alpinkletterkurs für den Bergbund Rosenheim oder der Holzaktion auf der Fritz-Pflaum-Hütte (beides zum Glück im Wilden Kaiser). Als mir für diese Woche kurzfristig ein ganztägiger Termin abgesagt wird, hab ich unversehens einen Tag zu viel Zeit - den gilt es zu nutzen. Da zeitgleich Daniel zwecks Klettern bei mir angefragt hat, bekommt er sofort den Zuschlag.

Am Morgen muss ich meine Mädels in der KiTa abliefern und kann daher erst um halb 9 am Treffpunkt an der Autobahneinfahrt erscheinen. Beim Radeln dorthin regnet es leicht und der Blick in Richtung Berge verspricht nichts Gutes, trotz guter Wetterprognose. Bereits vor gut einer Woche mussten wir während des Kletterkurses die Tour am Normalweg zum Totenkirchl bei Regen abbrechen obwohl der Wetterbericht "Badewetter" ohne Niederschläge versprochen hatte. Am Parkplatz der Griesneralm angekommen, verziehen sich die Wolken. Zuversicht und Sonne kehren zurück.

Mit letzterer kommt jedoch auch die Hitze, und da wir sehr spät dran sind weiß ich was uns blüht. "Jetzt kommt der Todeshang" offenbare ich Daniel, als wir unter der Steinernen Rinne den Abkürzer zum Eggersteig in Angriff nehmen. In der prallen Sonne schwitzt er sich die Seele aus dem Leib. Ich ziehe vorher mein T-Shirt aus und der leichte Fallwind sorgt für ausreichend Verdunstungskälte, dass ich auf Betriebstemperatur bleibe. Bald sind wir wieder im Schatten und bei angenehmen Temperaturen steigen wir hinauf an den Fuß der Predigtstuhl-Westwand.

Im Schatten der Steinernen Rinne marschieren wir zum Einstieg.
Im Schatten der Steinernen Rinne marschieren wir zum Einstieg.

Unser Ziel ist die Fiechtl-Weinberger-Route, erstbegangen 1923 vom legendären Hans Fiechtl zusammen mit Franz Weinberger - zwei der damals stärksten Kletterer im Wilden Kaiser. Die Route ist einer der letzten leichteren Klassiker des Gebirges, die ich bisher noch nicht selbst geklettert bin. Der Einstieg befindet sich fast in einem Drittel Wandhöhe bei einer großen Nische. Der normale Zustieg führt über eine lange Querung ausgesetzt von rechts dort hin. Üblicherweise klettert man das seilfrei, allerdings will ich das meinem heutigen Seilpartner nicht zumuten. Außerdem haben Jörg Meyer und Bernhard Schwarz im Rahmen ihrer Route "Phantom" einen direkten Zustieg dorthin erschlossen, den wir uns ansehen möchten.

Über unschwieriges Schrofengelände und eine einfache Kletterstelle (1-2) erreichen wir den ersten Standplatz. Hier seilen wir an und ziehen die Kletterschuhe an. Gut abgesichert geht es zum ersten Überhang, der sich an guten Griffen problemlos überwinden läßt. Mit 6+ reiht sich die Bewertung gut in die modernen Kaiserrouten ein - oben in den Rissen des Klassikers erwarte ich mir für den Grat allerdings schon etwas mehr. Die nächste Seillänge weist kein fixes Material auf. Die vom Topo vorgeschlagene Kaminverschneidung verlasse ich nach einigen Metern rechts und quere sie weiter oben wieder nach links, so dass der 4. Schwierigkeitsgrad nicht überschritten wird. Der direkte Weg durch die Verschneidung dürfte etwas schwieriger sein.

Die schöne Einstiegsseilänge des Phantoms.
Die schöne Einstiegsseilänge des Phantoms.

Damit sind wir am eigentlichen Einstieg angekommen, dieser alternative Zustieg kann in jedem Fall empfohlen werden. Aus der Nische quere ich kurz nach links zum bereits sichtbaren Bohrhaken und mit einigen kraftigen Zügen gehts durch den Riss hinauf in leichteres Gelände. Eine weitere kurze Rissstelle und schon ist der Stand erreicht. Mit dem sechsten Grad ist die Seillänge sehr fair bewertet, allerdings schadet es nicht, wenn man weiß wie man mit Rissen umgehen soll.

Die Querung aus der Nische in der ersten richtigen Seillänge der Route.
Die Querung aus der Nische in der ersten "richtigen" Seillänge der Route.

Es folgt die Schlüsselseillänge. Rechts vom Stand durchzieht ein Riss die glatte Platte, der anfangs noch schön griffig ist. Bald geht er jedoch in eine sehr glatte Rissverschneidung über und zwei knapp hintereinander angebrachte Bohrhaken, sowie viele alte Normalhaken lassen erkennen, dass die folgende Passage oft technisch überwunden wird. Nach kurzem Abwägen wie ich die Stelle angehen soll, entscheide ich mich für kompromissloses Piazen und erreiche zwar anstrengend aber zügig eine passable Rastposition unter dem Überhang, wo einige Griffe noch nass sind. Die folgenden, steilen Züge an guten Griffen leiten zu einem Bohrhaken, danach legt sich die Wand etwas zurück und ich quere nach rechts zum Stand. Wenn meine Lösung für die Schlüsselstelle die einfachste Möglichkeit war, dann ist 7- sicher nicht geschenkt, aber im Oldschool-Kaiser-Maßstab noch vertretbar. Die Mühen meines Nachsteigers bestätigen meine Vermutung.

In der Schlüsselseillänge der Fiechtl-Weinberger.
In der Schlüsselseillänge der Route.

Der Rest der Route verspricht nun Genusskletterei im 4. und 5. Schwierigkeitsgrad. Tatsächlich folgt Alpinkletterei vom Feinsten. Risse, Verschneidungen und Kamine in bestem Fels. Die Haken werden zwar etwas spärlicher, lassen sich aber mit Stoppern und Friends problemlos ergänzen. Die letzte Seillänge ist im Topo meines Kletterführers mit 70 m verzeichnet, ist aber tatsächlich nur knapp 40 m lang. Ich gelobe Besserung!

Genusskletterei hoch über der Steinernen Rinne in der 7. Seillänge
Genusskletterei hoch über der Steinernen Rinne in der 7. Seillänge

Die Route endet auf der Nordschulter und über die Nordkante-Führe steigen wir weiter auf den Predigtstuhl-Nordgipfel. Für Daniel ist es das erste Mal, dass er mit dem berühmten Oppelband konfrontiert wird. Und was soll man sagen - es tut seine Wirkung :-).

Hurra - das Oppelband! Daniel genießt den Tiefblick.
Hurra - das Oppelband! Daniel genießt den Tiefblick.

Der Nordgipfel des Predigtstuhls mit dem Gedenkkreuz für Markus Kronthaler ist einer der schönsten Plätze im Wilden Kaiser. Bei dem schönem Nachmittagslicht kommen die Silhouetten von Fleischbank und Totenkirchl besonders gut zur Geltung. Eindrucksvoll ist auch der Tiefblick aufs Kaiserbachtal und das Stripsenjoch.

Verdiente Pause auf dem Predigtstuhl Nordgipfel.
Verdiente Pause auf dem Predigtstuhl Nordgipfel.

Der Abstieg ist dann nur noch Formsache. Schnell sind wir an der Abseilpiste des Botzongkamins und mit drei Abseilfahrten erreichen wir den Botzongkessel. Noch einige Meter abklettern und der Pfad in die Steinerne Rinne ist erreicht. Nach gut einer Stunde sind wir an den Rucksäcken, wo wir die letzten Flüssigkeitsreserven aufbrauchen. Im Gegensatz zur Südseite des Ellmauer Tors fehlen in der Steinernen Rinne die großen Schuttreisen zum Abfahren weitgehend, so dass wir fast jeden Schritt absteigen müssen, bis auf der Terrasse der Griesneralm endlich das wohlverdiente Abschlussgetränk vor uns steht.

Eine der wenigen kurzen Schotterpassage, wo wir die Knie entlasten können
Eine der wenigen kurzen Schotterpassage, wo wir die Knie entlasten können.

Ausgleich des Flüssigkeitsdefizits an der Griesneralm.
Ausgleich des Flüssigkeitsdefizits an der Griesneralm.