Markus Stadler

Blog Klettern, 21.06.2017

Mee(h)r Klettern

Ein sonniger Familienurlaub an der ligurischen Riviera


Die Kirche von Veravo - einem Ortsteil von Castelbianco, unserem Urlaubziel

Mit meinen 25 % Stimmrecht in der Familie hab ich nicht gerade die günstigste Ausgangsposition bei der Urlaubsplanung und nachdem noch zwei weitere Familien beteiligt sind die dem Patriarchat abgeschworen haben, war ich sehr skeptisch in wie weit der diesjährige Pfingsturlaub meinen Vorstellungen nahe kommen würde. Während für mich Klettern Priorität hat und ich der flüssigen Materie wenig abgewinnen kann, plädieren ungefähr 75 % der Beteiligten dafür, ans Meer zu fahren. "Wie wärs mal wieder mit Ligurien, Finale oder Oltrefinale?" schlage ich vor und bin erleichtert, dass das auf Zustimmung stößt. Schließlich hab ich nichts gegen das Meer, solange man aus den Felswänden darauf hinabschauen kann und ich mee(h)r klettern kann. Meine Liste mit Übernachtungsmöglichkeiten erntet dafür ein entschiedenes Veto: "Monte Cucco kommt nicht in Frage!!!", was ich sehr schade finde, da ich tolle Erinnerungen damit verbinde. Immerhin liegt er perfekt für die meisten Felsen von Finale, da nehme ich die kalte Freiluftdusche und die oft versifften Klos in Kauf, besonders wenns dazu nix kostet. (Anm.: Inzwischen wurde der Platz offensichtlich zu einem richtigen, kostenpflichtigen, aber sauberen Campingplatz umgebaut: Basecamp Cucco, was wir aber erst hinterher erfahren haben). Muss ja nicht den ganzen Urlaub sein, aber für ein paar Tage? "Nein!!!". Nagut, dann halt doch auf einen teuren Touri-Campingplatz. "Sollen wir reservieren?". "Ach was, Campingplätze haben wir noch nie reserviert - und jetzt ist doch überall noch Vorsaison".

Freitag mittags stehen wir punkt 12 Uhr am Kindergarten und laden die Mädels ins Auto. Krass, jetzt sind wir endgültig angekommen in der Spießerwelt. Die Ferien sind gerade mal eine Minute alt und wir fahren ans Meer. Auf einen Campingplatz! Nach 5 Stunden Fahrt erreicht uns mitten in der Po-Ebene eine Nachricht von der bereits am Morgen gestarteten Sonja: "Alle Campinplätze sind voll - und außerdem sind alle besichtigten Zeltplätze potthäßlich". Panik macht sich breit, der schöne Plan scheint nicht aufzugehen. Als unsere letzte Fahrstunde anbricht eine weitere SMS "Wir sind jetzt in Cisano sul Neva, da ist Kletterfestival mit Grill und Bier und am Parkplatz im Olivenhain könnt ihr die Zelte aufstellen." "Scheint doch ein cooler Urlaub zu werden", denke ich mir.


In der Bar Neva in Cisano läufen nicht nur alle Drähte der lokalen Kletterszene zusammen, man sitzt dort auch vor und nach dem Klettern außerordentlich gut.

Parkplatz gefunden, die hungrigen Kinder zum Marktplatz geschleift und erstmal ein Bier bestellt. Der Kletterwettkampf ist bereits vorbei, aber am Essenstand gibts noch frisches Obst, Pasta und Würstl. Die Stimmung ist jetzt bei allen Beteiligten bestens und auch die Campingplatzfraktion fügt sich in ihr Schicksal. Am Marktplatz ist Party mit Musik, die zweijährige Franzi rockt vor der Bühne ab. Irgendwann verziehen wir uns dann doch zu unserem Schlafplatz. Der Olivenhain hat den Nachteil, dass er direkt neben der Hauptstraße ist und sich die Idylle daher etwas in Grenzen hält, aber es soll ja auch nur für eine Nacht sein. Am nächsten Tag gehts erstmal in die Bar Neva in Cisano zum Cappucino - die perfekte Szenekneipe direkt am Marktplatz, von Raffaela und Carlo sehr herzlich geführt. Wir schildern unser Problem und erfahren, dass der Freitag in Italien Nationalfeiertag war, daher ist das Wochenende überall voll. Ab Montag wärs kein Problem mehr. Wir erfahren aber auch, dass man in Castelbianco an mehreren Plätzen "stehen" kann. Uns wird die Kirche von Veravo empfohlen wo sich ein kaum mehr genutzter Marktplatz als geduldeter "Camping"platz etabliert hat. Sogar ein Klo gibt es dort.


Der Hausherr an den Waschgelegenheiten bei der Kirche von Veravo - ein handballgroßer Protz (Kröte)

Nachdem wir uns häuslich eingerichtet haben wollen wir die nahe gelegenen Felsen erkunden und scheitern beim ersten Anlauf prompt, weil wir noch keinen Plan haben wie die einzelnen Ortsteile heißen und wo denn nun die Wege losgehen. Letztendlich landen wir drei Männer im Sektor "Guggenheim" und pumpen uns in den steilen Routen die Arme auf, während unsere Familien in Veravo an dem direkt neben der Kirche gelegenen Spielplatz den Tag verbringen. Am nächsten Tag sind Frauen und Kinder an der Reihe und im Sektor Telematica finden wir eine ganze Reihe leichterer bis mittelschwerer Routen. Auf einer alten Terrasse 20 m unter der Wand richten wir das Kinderlager ein, das zwar etwas beengt ist, aber viele Spielmöglichkeiten bietet und steinschlag- und absturzsicher ist. Im Anschluss gehts zum Kaffee in die Bar des schicken Örtchens Colletta. Das mittelalterliche Dorf hat ein Architekt mit üppiger finanzieller Unterstützung einer Investorengruppe saniert und zu einem voll vernetzten "Internet-Dorf" ausgebaut. Wer das nötige Kleingeld hat, kann sich dort coole Wohnungen mit Glasfaserkabel-Breitbandanschluss kaufen oder mieten. Mach ich dann, wenn ich mal im Lotto gewinne...


Das hübsche Dörfchen Colletta von Castelbianco.

Wir behalten den 2-Tages-Rhythmus bei und am nächsten Tag ist wieder Männertag. Während die Damen mit den Kindern ins Tal fahren, einkaufen (ganz oben auf dem Einkaufszettel: "meehr Bier", "meehr Kaffee" und "meehr Wein") und sich auf den dortigen Campingplätzen umsehen, steigen Stefan, Hans und ich hinauf zum Sektor Galeria, der viele kurze, sehr abwechslungsreiche Routen in scharfem Fels bereithält. Nach der Mittagspause beschließen wir einen Gebietswechsel und klettern noch ein paar Routen an der benachbarten hohen Wand vom Rocca di Garda. Die nächsten Tage wird weiter fleißig durchgewechselt. Am Sektor La Famiglia plätten sich die Damen in den anstrengenden Routen wärend Papas und Kinder unten am Fluß in den Gumpen plantschen und Kaulquappen fangen. Am Tag darauf gehts für uns in die steile Erboristeria, wo Stefan in seinem Element ist und Hans und ich gegen das Laktat kämpfen. Voll meine Welt ist dann am nächsten Tag die Enoteca, wo wir mit der ganzen Familie klettern und sich sogar Fiona in die 5c's und 6a's reinbeißt.


Kaulquappenjagd in den Gumpen des Torrente Pennavaire.

Dann verabschieden wir uns von Sonja, Hans und Franzi sowie vom beschaulichen Veravo und ziehen hinab in die lauten Niederungen. Campingplatz, Meer, Swimmingpool, warme Duschen etc.  - das volle Programm ist nach der entbehrungsreichen ersten Woche erwünscht. Wir steuern den Campingplatz Baccicia in Ceriale an - der neben den o.g. Features vor allem auch eine strategisch günstige Lage zwischen dem Val Pennavaire und Toirano hat.


Im stillgelegten Steinbruch von Toirano haben sich Künstler mit riesigen Gemälden verewigt (an der rechten Kante beginnt das Klettergebiet La Cava)

Letzteres wird dann unser nächstes Erkundungsziel. Am Sektor La Cava gibt es richtig viel Stoff in den Softmover-Graden bis etwa 6c und außer Stefan können sich hier alle austoben. Der Aufenthaltsplatz der Kinderbetreuungsgruppe unter dem Überhang vom Sektor Ligometro ist o.k, da dort heute niemand klettert. Ansonsten wärs suboptimal. Gegenüber an der Kirche Santa Lucia kann man jetzt im Sommer nur am Vormittag klettern, muss dann aber von unten im Ort zusteigen, da die Straße zum Parkplatz an der Grotte erst um halb 10 öffnet. Und auch die anderen Sektoren im Tal sind süd- oder südwestseitig und daher für das diesjährige Pfingstwetter eindeutig zu heiß. Das Felspotential im Tal ist jedoch gewaltig und ich hoffe, hier mal im Spätherbst herkommen zu können.


Die eindrucksvolle Grotte von Toirano ist einen Besuch absolut wert.

Mit Stefan mache ich noch zwei Erkundungstrips ins Val Pennavaire und wir entdecken mit dem Sektor Emisfero noch ein verbraucherfreundliches Gebiet für Ausdauertraining im Bereich 6b bis 7b, sowie ein interessantes schweres Gebiet bei Erli im Val Neva. Als Familienprogramm stehen Swimmingpool am Campingplatz, der Strand von Ceriale und die wirklich sehenswerte Grotte von Toirano auf der Tagesordnung. Für die letzten beiden Tage wechseln wir dann nach Finale Ligure. Der als Kinder- und Frauenklettertag geplante Ausflug zum Pian Marino wird aufgrund demonstrativer Unlust der Jugend und fehlender Motivation bei den Damen fast ein reiner Wandertag.


Einsam sind die Strände von Ceriale und Finale nicht gerade, den Kindern ist es Wurscht.

Am Tag darauf fließt in den genialen Routen der Gola di Briganti im Rian Cornei bei Stefan und mir trotz kompletter Schattenlage der Schweiß in Strömen. Jetzt ist klar, dass die klettertauglichen Temperaturen endgültig vorbei sind. Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass ausgerechnet jetzt unser Urlaub zu Ende geht. Um den Rückreiseverkehr am Sonntag zu meiden und den Kindern etwas Eingewöhnung zu gönnen, wollten wir ohnehin am Samstag zurückfahren. Bei 35 Grad in der Po-Ebene nutzen wir Vorteile der Klimaanlage im Auto weidlich aus. Selbst beim abendlichen Stopp um halb 7 hat es in Neumarkt im Etschtal noch 34 Grad. Erst kurz vor dem Brenner endet die Sommerhitze. Den nervigen Abschluss der Heimfahrt bildet der provozierte Wahlkampf-Stau der CSU an der Bayerischen Grenze, wo mal wieder gezeigt werden muss, dass die Bayerische Staatsregierung was gegen die illegal heimreisenden Urlauber tut und ausgerechnet im Rückreiseverkehr eine der beiden Spuren schließt.

 
Zum Abschluss noch ein Kletterbild - aus der Gola di Brigante in Finale. Weitere Fotos aus dem Val Pennavaire gibts in der Beschreibung des Klettergebiets.

Fazit: Letztendlich wars dann ein perfekter Urlaub - es sind alle mee(h)r zum Klettern gekommen als erwartet (auch aus dem Grunde, weil es genau 1 Stunde in 2 Wochen geregnet hat), die Badefraktion hatte ihr Meer und mit Ausnahme der fünf Tage auf dem doch recht tourimäßigen und lauten Campingplatz hielt sich der Spießerfaktor in Grenzen. Können wir mal wieder machen!