Markus Stadler

Kletter Know-How

Tourenplanung für alpine Kletterrouten

Vorbereitung für eine gelungene Alpinklettertour

Alpinklettern ist abenteuerlich. Man kann ein Abenteuer spontan und ohne Vorbereitung angehen - was es erst so richtig abenteuerlich macht. Um gesund und rechtzeitig wieder nach Hause zu kommen, ist es jedoch empfehlenswert, vorab ein paar Dinge zu bedenken. Gerade alpine Einsteiger sind oft überfordert von den vielen Unwägbarkeiten einer alpinen Kletterroute und tun sich schwer, so zu planen, dass alles klappt wie sie es sich vorstellen. Dieser Artikel soll vor allem weniger erfahrenen Kletterern ein paar Tipps an die Hand geben, um bei alpinen Kletterrouten den Adrenalinpegel auf kontrolliertem Level zu halten, das Risiko objektiver Gefahren zu minimieren und kalte Biwaknächte oder gar überflüssige Rettungseinsätze zu vermeiden.


Entspannte Alpinklettertouren brauchen eine gute Vorbereitung. (Foto: Ortovox / H. Heckmair).

Tourenauswahl

Beim Alpinklettern sollte man sich sehr langsam an seine Leistungsgrenze herantasten. Die Kletterschwierigkeit ist dabei nur ein Aspekt der Anforderungen, die es zu berücksichtigen gilt. Hinzu kommen weitere Fähigkeiten, die nötig sind:

  • Kondition (Zustieg, Tourenlänge, Abstieg)
  • Kletterroutine und Geschwindigkeit (Seilhandling, Klettertempo)
  • Selbsteinschätzung des Kletterkönnens und psychische Stabilität (große Sicherungabstände)
  • Umgang mit mobilen Sicherungsmitteln
  • alpine Bergerfahrung (Umgang mit Widrigkeiten wie Schnee, Nässe, wegloses Schrofengelände, große Ausgesetztheit, Witterungseinflüsse etc.)

Von diesen Faktoren sollten nicht alle gleichzeitig im Fokus stehen. Am besten sucht man sich eine Route aus in der nur eine oder zwei dieser Fähigkeiten tatsächlich gefordert wird.

Was ist nun der richtige Schwierigkeitsgrad? In jedem Fall sollte man deutlich größere Reserven einrechnen als im Klettergarten, selbst wenn es sich um eine perfekt abgesicherte Route handelt. Für die ersten paar Touren sollte meiner Meinung nach der Schwierigkeitsgrad sogar so niedrig sein, dass keine Einzelstelle in die Nähe des maximalen Onsight-Niveaus kommt. Ein guter Anhaltspunkt für alpine Bohrhakenrouten sind Klettergartenrouten die Onsight geklettert werden können, während man gleichzeitig mindestens die Hälfte der Haken auslässt.

Je nach Routine wird das 1-2 UIAA-Grade unter dem durchschnittlichen Onsight-Level des Kletterers sein, bei zunehmender Ernsthaftigkeit der Route (schlechte Sicherungsmöglichkeiten, Brüchigkeit, Länge) sollte die Reserve noch größer sein. Ganz entscheidend hängt die Tourenwahl aber auch vom Kletterpartner ab. Es ist ein gewaltiger Unterschied ob ich in kritischen Situationen selbst die Kartoffeln aus dem Feuer holen muss, oder ob ich einen erfahrenen Kletterpartner an der Seite habe, der das übernehmen kann wenn ich mit meinem Latei bzw. Kletterkönnen oder Psyche am Ende bin.


Die Absicherung einer Kletterroute bestimmt maßgeblich die Anforderungen an den Kletterer.

Wetter und Verhältnisse

Hat man sich auf eines oder mehrere Ziele festgelegt, gilt es abzuschätzen, ob die Verhältnisse und das Wetter es zulassen, die Tour mit den angegebenen Schwierigkeiten zu meistern. Vor allem im Frühjahr liegt oft noch Schnee, der den Zustieg erschwert oder manchmal gar unmöglich machen kann. Inzwischen gibt es viele Webcams, die ein gutes Bild über die Schneelage in den meisten Gebieten der Alpen vermitteln. Schnee in der Route erschwert vor allem die ansonsten relativ einfachen Passagen deutlich, während steilere Felspassagen oft schneefrei bleiben. Oberhalb etwa 3000 m muss man ganzjährig mit Schnee(resten) oder Eis rechnen, ab etwa 2000 m nach Schlechtwettereinbrüchen selbst im Hochsommer. Im Spätherbst kann bereits geringer Neuschnee Probleme bereiten, der auf Webcams kaum erkennbar sein kann. Aus den Wänden trocknet er zwar schnell heraus, aber in schattigen Rissen und auf Bändern bleibt er liegen, Schmelzwasser gefriert dann in Rissen oft zu Eis.

Das Wetter ist heutzutage mit einer Vorlaufzeit von 1-2 Tagen anhand der Wetterberichte oder Wetterkarten im Internet meist so zuverlässig abzuschätzen, dass man halbwegs sicher vorhersagen kann, ob ein trockener Tag bevorsteht oder ob man mit Gewittern rechnen muss und wenn ja ab welcher Uhrzeit. Bei unsicherer Vorhersage sollte man eine Tour planen, über die sich problemlos abseilen lässt.

Etwas schwieriger ist es die Nässe in der Tour einzuschätzen. Gute Kletterführer können darauf Hinweise geben, ob eine Route langsam oder schnell abtrocknet. Oft hilft auch ein Blick ins Wandbild. Befindet sich viel Vegetation oberhalb eines Wandbereichs (Wiese, Latschenfeld), muss man oft noch Tage nach stärkeren Regenfällen damit rechnen, dass Wasser über die Route läuft. Auch Kamine und tiefe Risse trocknen oft schlecht ab. In diesen Fällen wird die Schwierigkeit der entsprechenden Kletterstellen je nach Fels mehr oder weniger deutlich höher ausfallen als im Topo - bei Flechtenbewuchs oder Vereisung können sie sogar unkletterbar werden.


Kamine, Rinnen und Verschneidungen trocknen nach nächtlichen Gewittern oft nur langsam ab.

Zeitplanung

Ein heikles Thema ist die Zeitplanung. In manchen Kletterführern sind Durchschnittszeiten für Kletterrouten angegeben, an denen man sich als erfahrener Kletterer orientieren kann. Ein Anfänger wird in der Regel deutlich länger brauchen - durchaus auch mal das doppelte. In beliebten Kletterrouten kommt das Thema "Stau" hinzu. Klebt man hinter einer langsamen Seilschaft, sprengt das jeden Zeitplan. Auch als schnelle und erfahrene Seilschaft wird man nicht immer und überall überholen können und ist oft auf die Bereitschaft der vorauskletternden "Bremser" angewiesen, einen vorbeizulassen. Wichtig ist auch, die Zeit für Zustieg und Abstieg, sowie die nötigen Rüstzeiten am Einstieg und am Ausstieg hinzuzurechnen.

Ist im Kletterführer keine Kletterzeit angegeben, kann man anhand der Anzahl der Seillängen selbst eine Überschlagsrechnung machen.

Die benötigte Kletterzeit pro Seillänge hängt von folgenden Faktoren ab:

  • persönliche Fitness und Klettertempo
  • Absicherung (Stände eingerichtet, zusätzliche mobile Absicherung nötig?)
  • Art der Kletterei (Platten mit Wasserrillen oder homogene Risse lassen sich schneller klettern als komplexe Wandpassagen)
  • Schwierigkeit (je leichter, desto schneller, wenn es nah ans persönliche Limit geht, dann deutlich langsamer)
  • Routine beim Seilhandling
  • Länge der jeweiligen Seillängen

Im Optimalfall wird eine schnelle Seilschaft 4-5 Seillängen in der Stunde sichern können, aber dass man sich auch einmal eine komplette Stunde an einer Seillänge verbeißen kann, sollte man einkalkulieren.

Hat man den ungefähren Zeitbedarf ermittelt, muss man diesen auf das verfügbare Zeitfenster (Tageslicht) abstimmen. Ebenfalls kann man in Modetouren versuchen, anderen Seilschaften aus dem Weg zu gehen (sehr früh oder ungewöhnlich spät einsteigen). Darüberhinaus ist die Sonneneinstrahlung in der Wand zu berücksichtigen (im Sommer im Schatten, im Herbst in der Sonne klettern).


Stau in einer Route kann jeden Zeitplan zunichte machen.

Taktik

Als Seilschaft hat man viele taktische Möglichkeiten, um den Tagesablauf für eine alpine Klettertour zu optimieren. Angefangen bei einer Zeitplanung, die Tageszeit und Wandexposition berücksichtigt (und damit Temperatur/Flüssigkeitsbedarf/Ausrüstung), über eine effiziente Rucksacktaktik bis hin zur Einteilung, wer welche Seilllänge führt. Generell sollte man sich für möglichst viele Optionen einen Plan B bereithalten, falls bereits zu viele Seilschaften vor einem in der Route sind oder wenn man bereits am Einstieg sieht, dass die Schlüsselstelle nass ist.

Über das Mitführen eines Rucksacks gehen die Meinungen stark auseinander. In leichteren oder sehr langen Touren bin ich eher ein Fan davon, dass jeder Kletterer mit Rucksack klettert und sein persönliches Zeug mitnimmt. In stark fordernden Touren hingegen machen wir es meistens so, dass wir einen Rucksack für den Nachsteiger haben, während der Vorsteiger ohne Rucksack klettert. Kürzere Routen, über die man vielleicht sogar abseilt, klettern wir hingegen oft komplett ohne Rucksack. Zustiegsschuhe, Erste-Hilfe-Paket und Trinkflasche hängen dann am Gurt.

Wer welche Seillänge vorsteigt hängt von den Vorlieben und Stärken der jeweiligen Kletterer ab. Im Idealfall kann die Seilschaft die komplette Route im "Überschlag" klettern, das heißt die Seilpartner einer Zweierseilschaft wechseln sich nach jeder Seillänge im Vorstieg ab. Bei ungleich starken Partnern ist es aber meist schneller, wenn ein routinierter Vorsteiger alle schweren Seillängen führt, selbst wenn man an den Standplätzen dann länger braucht, weil man Material übergeben und das Seil für die nächste Seillänge vielleicht nochmal sortieren muss.

Ausrüstung

Bei vielen alpinen Kletterrouten muss man die Ausrüstung durch die Wand mitnehmen. Wer schon mal mit Rucksack geklettert ist, weiß, dass man dabei jedes Gramm besonders gravierend merkt. Daher ist der Gewichtsoptimierung beim Alpinklettern noch größere Aufmerksamkeit zu schenken als bei anderen Bergsportarten. Ein wichtiger Punkt ist dabei der Rucksack selbst. Ich selbst klettere die meisten durchschnittlichen Alpinrouten derzeti mit dem Trad 18 von Ortovox, der nur etwas mehr als zwei Tafeln Schokolade wiegt. Sofern man keine Gletscher oder steilen Schneefelder am Zu- oder Abstieg passieren muss, empfehlen sich leichte Zustiegsschuhe wie der Adidas Terrex Scope. Klettert man ohne Rucksack hängen sie am Klettergurt - mit einem schweren Bergschuh ist das nicht möglich. 

Bei der Kletterhardware lohnt es sich, vorab genau zu überlegen, was man wirklich benötigt. Die erforderlichen mobilen Sicherungsmittel werden oft im Kletterführer genannt, ebenso die Anzahl an Expressschlingen. Auch bei der zusätzlichen Bekleidung (Regenschutz, Fleecepulli) sollte man auf möglichst geringes Gewicht achten. Letztendlich verbleibt in einer normalen Felsklettertour dann gar nicht viel mehr im Rucksack als Trinkflasche, Jacke, EH-Paket, kleine Gipfelbrotzeit - die meiste Ausrüstung ist dann ja im Gebrauch, bzw. am Körper.

Richtig schwer wird der Rucksack allerdings, wenn im Zu- oder Abstieg Steigeisen erforderlich werden oder wenn Biwakausrüstung mitgenommen wird. Für die großen hochalpinen Klettertouren kann das durchaus erforderlich sein. Wer sich allerdings an solche Touren wagt, sollte doch schon umfangreiche alpine Vorerfahrung haben und weiß dann auch aus persönlichem Empfinden, was damit auf ihn zukommt. Wie man seinen Rucksack richtig packt zeigt folgendes Video aus der ORTOVOX SAFETY ACADEMY LAB ROCK:

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Zustieg und Abstieg

Besonders bei Hochgebirgstouren wird der Zeit- und Kraftaufwand für den Zu- und Abstieg gerne unterschätzt. Ähnliches gilt für die Wegführung. Oftmals wird in der Vorbereitung das Klettertopo stundenlang studiert, dem Zustiegsweg widmet man nur einen kurzen Blick. Die Folge ist dann, dass der Einstieg erst nach längerem Suchen und mühsamen Umwegen später als geplant erreicht wird. Ich versuche daher bei Wänden an denen ich das erste Mal klettere, den Zustiegsweg bereits in der Planungsphase detailliert auf einer Karte und/oder in Übersichtsfotos nachzuvollziehen.

Manchmal bietet es sich an, ein Rucksackdepot in der Nähe des Wandfußes einzurichten. Eine strategisch günstige Lage dafür ist ungefähr dort, wo der Abstiegsweg wieder auf den Zustieg trifft. Was man im Rucksackdepot zurücklässt hängt vor allem von der gewählten Rucksacktaktik ab (siehe "Ausrüstung").

Für den Abstieg gilt ähnliches wie beim Zustieg. Auch hier sollte man sich bei komplexeren Wegführungen das ganze im voraus anhand der Karte oder an Bildern visualisieren, um vor Ort auch bei schlechter Sicht und fehlenden Markierungen die Orientierung nicht zu verlieren.

ORTOVOX SAFETY ACADEMY LAB ROCK

Sehr ausführlich und anschaulich wird dieses Thema im Videoformat im Kapitel "Vorbereitung und Klettertourenplanung" der ORTOVOX SAFETY ACADEMY LAB ROCK erklärt.