Markus Stadler

Kletter Know-How

Umgang mit objektiven Gefahren beim Alpinklettern

Risikoeinschätzung und -minimierung

Objektive Gefahren im Gebirge sind Risiken, die von außen auf den Bergsteiger einwirken. Im Gegensatz zu den subjektiven Gefahren (z. B. Sicherungsfehler oder ein unkontrollierter Sturz durch mangelndes Kletterkönnen) hat der Kletterer auf ihr Auftreten keinen unmittelbaren Einfluss. Er kann nur versuchen ihnen auszuweichen, sich zu schützen oder muss unter Umständen erhöhte Schwierigkeiten meistern. Wie man objektive Gefahren bereits bei der Tourenplanung berücksichtigt und im Ernstfall konkret managed erläutert dieser Artikel.


Ein Kletterhelm schützt beim Alpinklettern vor Steinschlag. (Foto: Ortovox / H. Heckmair).

Steinschlag, Eisschlag

Das unberechenbarste Risiko beim Alpinklettern ist die Steinschlaggefahr. Steinschlag kann vielerlei Ursachen haben, in den meisten Fällen jedoch wird er von anderen Kletterern ausgelöst. Besonders steinschlaggefährdete Routen sollte man daher meiden, wenn bereits Seilschaften in der Wand sind.

Ist man als Seilschaft alleine in einer Wand, (be-)trifft es vor allem den Nachsteiger. Am kritischsten ist dabei die Wahl des Standplatzes. Jeder Eiskletterer weiß dass man den Standplätz möglichst nicht in Schusslinie der nächsten Seillänge bezieht. Beim alpinen Felsklettern ist das zwar oft nicht so einfach möglich, aber vor allem in Kaminen und Rinnen kann es sich lohnen Alternativen zu einem steinschlaggefährdeten Standplatz zu suchen.

Weitere Auslösefaktoren können Gämsen und Steinböcke, starker Wind oder Tauwetter in einer mit Schnee/Eis durchsetzten Wand sein. Die beiden letzten Faktoren lassen sich mit guter Tourenplanung oft vermeiden. Je kompakter und fester das Gestein, desto geringer ist die Steinschlaggefahr. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Steine komplett ohne äußere Einflüsse lösen, ist aber auch in brüchigem Fels sehr gering.

Frei fallende Steine nehmen enorme Geschwindigkeit auf und bereits ein walnussgroßes Steinchen kann zu schweren Verletzungen führen. Gegen solche Splittergeschosse kann man sich mit einem Steinschlaghelm gut schützen. Bei größeren Brocken hingegen hilft irgendwann auch kein Helm mehr. Wichtig ist daher, sich möglichst nahe an die Wand zu kauern (am besten unter einen Felsvorsprung), sobald man oberhalb das Geräusch fallender Steine vernimmt.


Typisches schotteriges Ausstiegsgelände, wo oft schon durch die Seilbewegung Steinschlag ausgelöst wird.

Gewitter

Beim sommerlichen Felsklettern stellen Gewitter die bedrohliste Wettergefahr dar. Neben der Blitzschlaggefahr muss man Sturmböen, Regen, Graupel oder sogar Hagel und Schneefall einkalkulieren. Generell sollte man so planen, dass man Gewittern weder in der Wand, noch auf Graten oder Gipfeln begegnet, da sie das Gefahrenpotential stark erhöhen.

Dabei kann man zwei verschiedene Gewittertypen unterscheiden:

  1. Frontgewitter entstehen bei einer hereinziehenden Kaltluft oft auf breiter "Front". Dieser Gewittertyp ist in der Regel gut berechenbar, da er in der Wetterprognose inzwischen meist stundengenau vorhergesagt werden kann. Manchmal sind Kaltfronten mit massiven Wetterstürzen verbunden, die auch im Sommer Schnee bis unter 2000 m bringen können. Das Aussitzen eines solchen Gewitters ist dann keine gute Taktik, da anschließend meist länger anhaltendes, kaltes Schlechtwetter folgt. Wird eine sommerliche Kaltfront vorhergesagt, sollte man so planen, dass man vor ihrem Eintreffen wieder im Tal ist.
  2. Wärmegewitter entstehen im Sommer durch das Aufheizen von Luft und Berghängen. Die Gewitterzellen können in labiler Luft sehr schnell entstehen. Es ist nicht exakt vorhersagbar, wo genau sie auftreten, wohin sie ziehen und wie heftig sie am eigenen Standort ausfallen. Letztendlich wird die Wetterprognose nur eine Wahrscheinlichkeit für ein Gewitter an einem bestimmten Ort abgeben können. In den meisten Fällen dauern Wärmegewitter nicht sehr lange - von 10-20 Minuten bis zu ein oder zwei Stunden. Findet man einen geschützten Ort, so lassen sie sich dort gut abwarten und manchmal kann man die Tour danach sogar weitgehend ungehindert fortsetzen, sofern man mit den "Nebenwirkungen" (nasser Fels, in hohen Lagen evtl. Schnee und Eis) umgehen kann.


Aufziehendes Wärmegewitter im Wilden Kaiser.

Optimales Verhalten bei Gewittern:

  • zügig handeln aber nicht in Panik verfallen
  • exponierte Stellen (Grate, Gipfel) schnell verlassen
  • Befindet man sich in der Wand: entweder diese noch rechtzeitig verlassen (ausqueren, abseilen oder ansonsten einen steinschlaggeschützen Ort aufsuchen (z. B. Felsband unter einem Überhang).
  • Mit geschlossenen Beinen auf den Rucksack sitzen, Felskontakt vermeiden
  • Metallgegenstände getrennt einige Meter abseits lagern.

Sonstige wetterbedingte Gefahren

Gewitter sind zwar die markanteste wetterbedingtes Gefahr beim Alpinklettern, aber auch andere Aspekte sollten beachtet werden.

Schlechte Sicht, Nebel

Der Orientierung ist auf der gesamten Unternehmung Beachtung zu schenken. Solange man sich auf ausgebauten Wanderwegen befindet stellt Nebel meist kein größeres Problem dar, aber schon das Finden des Einstiegs kann bei schlechter Sicht unmöglich sein. In der Kletterroute erschwert Nebel die Orientierung besonders in langen, ursprünglichen Klettereien ohne allzuviele Haken und auch Abstiege ohne Markierungen können dann ernsthafte Probleme aufwerfen. Das Szenario"schlechte Sicht" sollte für allem für den Abstieg in der Tourenplanung unbedingt berücksichtigt werden wenn man nicht über die Route abseilen kann.


In der Brentagruppe oder der Palagruppe in den Dolomiten erschweren oft ab Mittag hereinziehende Nebelschwaden die Orientierung.

Nässe, Schnee, Eis

Die Kletterschwierigkeiten in den Routenbeschreibungen gelten meist für trockenen, schneefreien Fels. Ist die Felsoberfläche nass, reduziert sich die Reibung mehr oder weniger stark, wodurch sie die Schwierigeiten erhöhen. Bei rauem, wasserzerfressenem Fels ist der Unterschied eher gering, dreckiger, flechtiger oder moosiger Fels hingegen kann dann fast unkletterbar werden. Nach Regen trocknen Felswände sehr unterschiedlich schnell ab. Exponierte Pfeiler und plattige Wände ohne wasserspeicherndem Einzugsgebiet trocknen sehr schnell ab, meist innerhalb weniger Stunden, nach einem kurzen Gewitterguss oft schon nach wenigen Minuten. Risse, Kamine, Verschneidungen und Wände unterhalb von Grasterrassen oder ausgedehnten Latschenzonen hingegen können auch Tage nach anhaltenden Regenfällen noch nass sein. Noch länger dauert die Abtrocknungszeit, wenn Eis und Schnee in der Wand sind und langsam vor sich hinschmelzen. Anders bei negativen Temperaturen wo Wasser bekanntlich gefriert. Vereiste oder verschneite Kletterstellen bergen oft noch höhere Anforderungen, teils werden sie zusätzliche Ausrüstung erfordern (Steigeisen, Eisgeräte) oder müssen deutlich schwieriger in trockenem Fels umklettert werden.


Morgendlicher Restschauer im Wilden Kaiser. Zwei Stunden später waren die meisten Wände trocken.

Kälte, Wind

Was gibts Schöneres als mit leichtem Gepäck eine sonnige Alpinkletterroute hinaufzutänzeln? Gerade im Hochgebirge unterscheiden sich die Temperaturen einer sonnenbeschienenen Wand aber oft gewaltig von schattigen Felsen, erst recht wenn Wind hinzukommt. Man sollte beim Einstieg in eine sonnenbeschienene Wand berücksichtigen, ab wann die Sonne ums Eck verschwindet und auf entsprechend kältere Temperaturen vorbereitet sein. Zum Beispiel wird gerne unterschätzt, wie kalt es in Verbindung mit dem Wind-Chill-Effekt im Hochsommer in einer Dolomitenostwand auf über 2500 m am Nachmittag werden kann, in der man am vormittag noch geschwitzt hat.

ORTOVOX SAFETY ACADEMY LAB ROCK

Sehr ausführlich und anschaulich im Videoformat wird das Thema der objektiven Gefahren auch im Kapitel "Alpines Basiswissen" der ORTOVOX SAFETY ACADEMY LAB ROCK erklärt.