Markus Stadler

Klettern in Italien

Val Pennavaire (Albenga) - Ligurien

Hans klettert Farfara (6c), Erboristeria Alta im Val Pennavaire, Ligurien
Klettern in einsamer unberührter Landschaft im Val Pennavaire bei Albenga

Unweit vom Traditionsgebiet Finale Ligure haben sich mittlerweile viele aufstrebende Klettergebiete entwickelt, für die sich der Begriff "Oltrefinale" etabliert hat. Das vielfältigste davon ist das Val Pennavaire - südlich von Albenga. Am bekanntesten war lange Zeit das Massiv Antro di Castelbianco, da es lange Zeit als "steile Alternative" zu Finale galt. Während in Finale insbesondere senkrechte bis leicht überhängende, technisch anspruchsvolle Routen den weit überwiegenden Teil des Kletterpotentials ausmachen, finden sich hier richtige Überhänge. Daneben fanden sich aber bereits zum Ende der 90er Jahre im Val Pennavaire viele weitere sehr schöne und weitgehend unbekannte Felsen. Eine starke Dynamik in die Neuerschließung ist dann aber etwa zur Jahrtausendwende ins Tal eingezogen. Insbesondere eine Gruppe Genueser Kletterer um Luca "Blond" Biondi und Andrea "Dinda" Bisio erschlossen Routen wie am Fließband. Einer großen Öffentlichkeit wurden die Felsen im Val Pennavaire dann aber schlussendlich durch Andrea Gallo's Kletterführer "Oltrefinale" bekannt, der im Jahr 2007 erschien und inzwischen in Auflage 3 (2014) verfügbar ist.


An der Wand "Telematica" gibt es viele leichtere Routen, die auch Einsteigern und Kinder gutes Terrain bieten.

Anreise:

Mit PKW über die Autobahn Mailand - Genua, dann an der Küstenautobahn in Richtung Ventimiglia bis zur Ausfahrt Albenga. Hier fährt man nach Noden durch die kleine Ortschaft Cisano, bis man in Martinetto nach links ins Val Pennavaire abbiegt. Von der Autobahn bis Martinetto sind es ca. 5 km. Von Finale Ligure fährt man etwas 30 Min. - man kann also beide Gebiete sehr gut miteinander kombinieren.

Übernachtung:

1. Camping: Campingplätze gibts u. a. in Albenga aber auch an den anderen Küstenstädten. Wir haben den Camping Baccicia in Ceriale zwischen Albenga und Loano ausprobiert, der sich auch gut für die Klettergebiete in Toirano anbietet. Mal abgesehen von der lauten Hauptverkehrsstraße und dem barfußfeindlichen (dornenübersäten) Boden ein empfehlenswerter Stützpunkt mit freundlichem Personal und im Vergleich zu den hässlicheren Strandcampings relativ moderatem Preis. Nicht weit entfernt liegt der günstigere und ebenfalls empfehlenswerte Camping Bellavista unter holländischer Leitung. Noch etwas näher am Val Pennavaire befindet sich der Camping "La Pineta" zu dem wir bisher keine eigenen Erfahrungen beisteuern können.

2. Ferienwohnungen:

Vor allem in der dunklen Winterzeit ist zelten eher was für die Hartgesottenen. Wer nicht auf einen kompfortablen Campingbus zurückgreifen kann, für den bieten sich Ferienwohnungen als Stützpunkt an. Als zentraler Ausgangspunkt im Tal, von dem die Sektoren Castelbianco, Terminal, Erboristeria, Enoteca und Cineplex problemlos zu Fuß erreichbar sind, bietet sich das Appartement beim Da Ferruccio an. Gute und relativ günstige Wohnungen kann man auch in Vesallo (Casa dei Nonni) oder Veravo (Fuori di Zucca) mieten. Von dort ist z. B. das Gebiet "Bausu" in etwa 30 min. zu Fuß erreichbar. Wer es komfortabler haben möcht: Albergo/Ristorante "Da Gin" oder ein Appartement im topmodernen, voll glasfaserverkabelten Mittelalterdorf Colletta bei Colletta.it oder dhome.eu.

3. "Biwakieren"

Das ligurische Hinterland ist nur relativ dünn besiedelt, allerdings sind die Täler ziemlich steil und meist dicht bewaldet oder mit dornigem Gesträuch überwuchert. Allgemein hatten wir das Gefühl, dass Campingbusse am Straßenrand von den Einheimischen mit vergleichsweise viel Wohlwollen aufgenommen werden. An den Picknickplätzen zwischen Veravo und Colletta stehen oft Campingbusse, ebenso an der Kirche von Veravo, wo man auch das Klo benutzen kann. Allerdings sollte man sehr genau drauf achten, alles sauber zu halten und keinen Müll (auch nicht an den um die Kirche aufgestellten Abfalleimern!) zu hinterlassen, sonst könnte es sehr schnell vorbei sein mit der Gutmütigkeit der Einheimischen. Den Müll entsorgt man besser im Tal (in Cisano oder Albenga) an öffentlichen Containern.

Beste Jahreszeit:

Hier kann man das ganze Jahr klettern. Von November bis Ende März sollte allerdings sonniges Wetter herrschen, sonst wirds schon sehr ungemütlich. Im Hochsommer ist es natürlich relativ heiss, aber auf der linken Talseite gibt es zahlreiche Schattenwände, an denen zudem meist leichter Wind weht.

Gebiete:


Im Sektor "Guggenheim" bei Colletta - hinten die Rocca Rossa.

Eine ganz gute Übersicht über die Gebiete mit Zugangsbeschreibungen gibt es bei bikeandclimbup.ch

  1. Antro di Castelbianco
    Die bekannteste Wand im Tal mit steiler Kletterei an Leisten, Löchern und Sinterfahnen. Seit der Nacherschließung 2007/2008 gibt es im linken Teil jetzt auch eine gute Auswahl im mittleren Schwierigkeitsgrad ab 6a, rechts im Hauptsektor finden sich ausschließlich Routen von 7a bis 8b. Aufgrund der sonnigen Exposition eher was für die Übergangszeiten oder sonnige Tage im Winter.
  2. Terminal
    Große Wand, die bei der Fahrt ins Tal auf der rechten Seite aufällt. Neben Sinterkletterei gibts hier auch viele Leisten.  Die Routen sind meist sehr lang, so dass ein 70 m Seil unbedingt emfpehlenswert ist. Das Schwierigkeitsspektrum der etwa 100 Routen liegt zwischen 5a und 8a. Die Wand ist die meiste Zeit des Tages in der Sonne.
  3. Euskal
    Diese Wand hab ich selbst noch nicht besucht - sie bietet ebenfalls vorwiegend schwierigere Routen ab 6b und soll eine der schönsten des Tales sein. Allerdings ist auch sie nur für die kühle Jahreszeit empfehlenswert.
  4. Telematica und Caprette
    Schöne Wände bei Coletta mit ca. 40 Routen zwischen 4c und 7a. Besonders Telematica eignet sich auch für Einsteiger und Kletterer, die gerne in gemäßigten Routen bis maximal 6a klettern.
  5. Guggenheim
    Nettes kleineres Klettergebiet mit einer senkrechten Wand und einer kleinen Grotte mit überhängenden Routen direkt zwischen Coletta und Oresine.
  6. Bausu
    Das größte Gebiet im Tal ist der "Bausu" hoch über Veravo. Wer einmal den relativ langen Zustieg hinter sich gebracht hat, den erwarten über 100 hervorragende Routen in bestem, rauhem Kalk. Die meisten Routen bestehen aus einer Seillänge, die häufig 30m oder sogar noch einige Meter länger ist. Es finden sich aber auch Anstiege bis zu 4 Seillängen.
    Die Wand besteht aus 4 Untersektoren mit jeweils unterschiedlichem Charakter:
    • Malavoglia ist die erste Wand an der man vorbeikommt. Hier herrscht plattige Kletterei an scharfen Tropflöchern vor. Da sich an diesem Sektor relativ viele einfachere Routen im Bereich 5c bis 6a+ befinden dürfte es neben Castelbianco die einzige Wand im Tal sein, an der gelegentlich nennenswerter Andrang herrscht. In einigen Routen sind auch bereits Ansätze von Politur auf den Griffen erkennbar.
    • Bausu Destro ist ein eher unübersichtlicher Sektor, mit zwar gutem Fels aber nur wenigen Routen - ebenfalls im gemäßigten Schwierigkeitsbereich.
    • Bausu Centrale ist der breite Hauptsektor der Wand. Hier finden sich viele, sehr unterschiedliche Routen, von technisch anspruchsvoller Plattenkletterei, über diffizile, leicht überhängende Sinterwände bis hin zu athletischen Touren. Teilweise sind die Routen etwas weiter auseinander, hier ist noch einiges Felspotential vorhanden, auch wenn mittlerweile schon wieder einige Touren dazugekommen sind.
    • La Fontana ist der am weitesten links gelegene Sektor am Bausu. Ein extrem abwechslungsreiches Routenspektrum im 6. und 7. Franzosengrad, bester, rauher Fels und ein gemütlicher Wandfuß lassen keine Wünsche offen. Nur für die reinen Soft- und Hardmover gibts kaum Betätigungsfeld.
  7. Rocca della Garda und Galeria
    Zwei schöne, sonnige Sektoren rechts vom Bausu, ebenfalls von Veravo/Vesallo erreichbar. Eher technische Kletterei an Leisten und Löchern. Galeria mit eher kurzen Routen, am Rocca della Garda teils 35 m lang.
  8. Rocca Rossa
    Diese Wand war auf den alten Firstout-Seiten beschrieben, die Beschreibung habe ich übernommen. Es handelt sich um ein etwas höheres Massiv mit Mehrseillängenrouten bis 5 SL und einigen Baseclimbs, vorwiegend im 6. und 7. Franzosengrad.
  9. Coletta
    Kleine aber nette Wand zwischen Veravo und Coletta mit 14 Routen ab etwa 6a.
  10. Muro Rosso di Alto (Red Up)
    Tolle Wand nahe der Ortschaft Alto. Die Hauptwand teilt sich in zwei (zusammenhängende) Bereiche. Im linken Bereich ziehen ausschliesslich schwierige Routen von 7a bis 8b die überhängende, versinterte, gelbschwarze Wand in die Höhe. Rechts herrscht sehr schöne Kletterei im Schwierigkeitsbereich von 5c bis 7a vor.


Technisch anspruchsvolle, grandiose Linien warten an der Rocca di Garda oberhalb von Veravo

Literatur:

Kletterführer Oltrefinale #3 von Adrea Gallo (2014), erhältlich in Finale im Rockstore, vor Ort im Buchhandel oder in der sehr netten Szenekneipe "Bar Neva" im Zentrum von Cisano.

Reiseführer Ligurien - bestellbar bei AMAZON oder direkt beim Verlag - für die Ruhetage oder für einen längeren Urlaub eine sehr hilfreiche Informationsquelle.