Markus Stadler

Vom Umgang mit der Trauer

Der Tod eines geliebten Menschen bedeutet einen Ausnahmezustand für die engsten Angehörigen, der für das Umfeld ebenso schwierig ist. Einerseits, weil sie durch den Tod meist selbst schockiert sind und andererseits weil sie oft nicht wissen, wie sie mit den Trauernden umgehen sollen. Diese Erfahrung haben wir durch den Tod unserer kleinen Tochter Ronja gemacht. Einige Gedanken dazu möchten wir an alle, die unsicher im Umgang mit Trauer und mit trauernden Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten sind, weitergeben.

Beerdigung

Die Trauer ist ein langer Prozess

Trauern ist ein langer Prozess und wir stehen selbst noch ganz am Anfang. Aber schon jetzt gibt es Begegnungen, die uns sehr gut tun und für die wir dankbar sind, und Reaktionen, die einem noch zusätzlich Schmerz zufügen. Und wir merken, dass wir selber oft falsch reagiert haben, als wir noch nicht betroffen waren – aus Hilflosigkeit und Scham. Vielleicht stößt du zufällig auf diese Seite und erinnerst dich daran, wenn es einmal einen Trauerfall in deiner Nähe gibt. Man kann nicht immer das richtige sagen und tun – jeder Mensch reagiert anders in seiner Trauer und nicht jeder Tag ist gleich. Man muss auch gar nicht alles richtig machen. Aber man kann vermeiden, es total falsch zu machen. Und wenn du selbst noch nie richtig trauern musstest, kannst du die Begegnung nutzen, um etwas darüber zu lernen. Zu lernen, dass Trauer Raum braucht und Zeit und dass es keinen Punkt gibt, an dem sie beendet sein muss.

Was gut tut

Sei authentisch – in deiner Fassungslosigkeit, deinem Mitgefühl, deiner Wut, was auch immer

Vielleicht kommt nicht das erhoffte Echo, weil der Trauernde gerade "woanders" ist. Vielleicht wunderst du dich, dass du bei einem Besuch mehr geweint hast als er. Vielleicht trifft deine Fassungslosigkeit auf scheinbare Abgeklärtheit. Aber sei dir sicher – der Trauernde kennt all diese Gefühle und es tut ihm gut zu merken, dass du wirklich und echt berührt bist von seinem Schicksal – in welcher Weise auch immer. Und manchmal öffnet sich so eine Tür und es kommt zu tiefen Begegnungen, die keiner geahnt hat.

Mach es offensichtlich, wenn du sprachlos bist

In manchen Situationen geben Worte keinen Trost. Es ist in Ordnung,wenn du dieses Gefühl hast. Aber lass den Trauernden das wissen, damit er nicht das Gefühl hat, dass du gleichgültig bist. Zeige es ihm durch eine Umarmung oder sage einfach nur, dass du nichts zu sagen weißt. Miteinander schweigen kann gut tun, wenn man sich sehr gut kennt und das Schweigen für sich spricht. Hilfloses Schweigen aber tut weh. Die Hilflosigkeit anzusprechen kann Türen öffnen. Auch eine Geste der Nähe oder ein mitfühlender Blick kann das gleiche bewirken.

Biete nur die Hilfe an, die du auch leisten kannst und willst.

Vielleicht willst du den Trauernden mit Aktivitäten ablenken. Das ist schön, manchmal braucht man das, der eine früher, der andere später. Aber wundere dich nicht, wenn es lange dauert, bis jemand darauf eingehen kann. Und akzeptiere es, wenn er oder sie dann doch nur mit starrem Blick da sitzt. Wenn du es aushältst, den Kummer zu spüren, biete dich an, zu reden, zu weinen, was auch immer dem anderen gerade gut tut. Das ist nicht in jedem Augenblick das gleiche. Solche offenen Angebote ermöglichen es, ein Stück des Wegs zusammen zu gehen. Und wenn du mal wirklich "danebengelangt" hast – ein Eingeständnis deinerseits wird sicher auf Verständnis stoßen und man kann durch reden wieder eine Basis schaffen.

Sei nicht brüskiert, wenn deine Hilfe abgelehnt wird

Man kann den Schmerz und die Trauer nicht mit jedem teilen. Trotzdem tut es gut, wenn man Mitgefühl bekommt. Nur mitten in der Trauer fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden.

Sprich den Verlust immer wieder an

Niemand verlangt von dir, dass du dein Leben stoppst. Jeder Trauernde weiß, dass rund um ihn alles weitergeht. Rede weiter über das, was dich alles beschäftigt. Gerade am Anfang ist das sehr schwer auszuhalten, aber es kann auch gut tun. Aber wenn du merkst, dass der andere nicht "dabei" ist, frage ihn, wie es ihm gerade geht. Gib seiner Trauer Raum und zeige ihm, dass du weißt, womit er beschäftigt ist.

Fürchte dich nicht, Wunden aufzureißen.

Viele sprechen jemand am liebsten nicht auf den Verlust an, vor allem, wenn schon etwas Zeit vergangen ist. Das tut ungeheuer weh. Ist der Verlust bereits gut verarbeitet, fällt es niemand schwer darüber zu sprechen. Andernfalls wird nichts aufgerissen,die Wunde liegt sowieso offen. Den Verlust zu ignorieren lässt aber den Eindruck entstehen, dass das Gegenüber die Schwere des Schmerzes nicht annähernd nachvollziehen kann. Etwas anderes ist es, wenn der Trauernde wünscht, dass nicht darüber gesprochen wird. Das wir er Dir dann aber mitteilen und dann muss man das natürlich akzeptieren.

Biete immer wieder deine Hilfe an

Am Anfang kann man sich oft gar nicht retten vor lieb gemeinten Angeboten. Manche wollen und müssen sich auch stark zurückziehen. Und später fällt es unheimlich schwer die Angebote aufzugreifen. Man will nämlich niemand zur Last fallen. Man weiß, dass das Leben der anderen weiter gegangen ist und fürchtet sich davor, sie mit seiner Trauer aus ihrer Idylle zu reißen. Man weiß nicht, was man ihnen zumuten kann und darf. Deshalb ist es schön, wenn manche immer wieder nachfragen. Manchmal war vorher einfach der falsche Augenblick und irgendwann tut es dann doch gut.

Halte den Trauernden aus mit all seinen Gefühlen

Wenn du bereit bist mit ihm zu sprechen, kommen vielleicht auch Gefühle hoch von Neid, Wut und Eifersucht. Vielleicht hast du Dankbarkeit für dein Angebot erwartet und jetzt musst du dich mit seelischen Abgründen befassen. Das ist nicht schön. Aber vielleicht kannst du daran denken, was der andere zu tragen hat. Dass er sich mit all diesen Gefühlen aushalten muss – Tag für Tag, Stunde um Stunde. Vielleicht fällt es dir dann leichter ihn ab und zu mal für kurze Zeit auszuhalten und da zu sein für ihn und ihm die Möglichkeit zu geben, all das loszuwerden, was seine Seele belastet. Du kannst danach in dein Leben zurückkehren, er bleibt in seiner zerbrochenen Welt.

Biete praktische Hilfe an

Eine Essenseinladung ist nie verkehrt, das Interesse sich darum zu kümmern, ist bei Trauernden oft sehr gering. Auch Angebote zur Bewegung sind sinnvoll, weil man selbst die Energie oft nicht aufbringt, es aber doch gut tut. Es muss ja kein anstrengendes Sportprogramm sein, aber ein Spaziergang oder ähnliches kann Spannungen lösen. Und auch hier gilt wieder: Lass dich nicht abwimmeln, frage immer wieder nach. In der Trauer fällt es so unendlich schwer, selbst etwas anzustoßen. Man braucht Menschen, bei denen man weiß, dass sie da sind, auch wenn man selbst lange Zeit kaum etwas zurück geben kann.

Was nicht gut ankommt

Du reagierst überhaupt nicht

Das solltest du nur, wenn du sicher bist, diesem Menschen nie über den Weg zu laufen. Denn ansonsten wird die erste Begegnung für beide Seiten ganz schwer. Vor allem, wenn man sich erst nach einiger Zeit begegnet. Denn dann wird es dir noch schwerer fallen das Thema anzusprechen und wenn du nichts sagst, wirst du immer das Gefühl haben, etwas versäumt zu haben. Und dein Gegenüber wird enttäuscht sein, dass du seine Gefühle so ignorierst. Wenn du dich aber nicht getraut hast am Anfang – es ist nie zu spät etwas zu sagen. Manchmal kann später sogar besser sein, da am Anfang alle ihr Beileid ausdrücken wollen, später hört man aber nur noch von wenigen. Wenn es dir später auf der Seele liegt, fass dir ein Herz und sprich.

Aufmunternd von der Zukunft sprechen

Vor allem kurz nach dem Tod tut jeder Hinweis auf eine Zukunft ungeheuer weh. Es ist schlicht nicht vorstellbar, dass es so etwas geben kann. Und man will auch gar nicht daran denken, denn sich eine Zukunft zu wünschen bedeutet gleichzeitig die Entfernung vom Verstorbenen. Wenn von dem trauernden Gedanken an eine Zukunft kommen, bestärke und ermuntere ihn darin und vermittle, dass er deswegen kein schlechtes Gewissen haben muss. Aber fang nicht selbst davon an. Das zeigt nur, dass du keine Ahnung hast, wie tief der Schmerz geht und die Trauer nicht respektierst. Es gibt in dieser Situation keinen Trost und niemand verlangt von dir einen zu geben. Da sein und mitfühlen ist das, was wichtig ist.

Fromme Sprüche

Es gibt viele weise und schöne Sprüche, doch in der akuten Trauersituation dringt davon eigentlich nichts durch. Sie nehmen eine Verarbeitung vorweg, die noch gar nicht stattgefunden haben kann. Wenn du einen Spruch anbringen willst, sollte er dir wirklich aus der Seele sprechen und du solltest vorsichtig erwähnen, dass er vielleicht irgendwann einmal helfen kann. Ansonsten sind die eigenen, persönlichen Worte die besten – auch wenn und gerade weil sie unbeholfen und holprig sind und deshalb viel näher an der Situation.

Suggerieren, dass das Schlimmste schon überstanden ist

Selbst wenn der Trauernde gefasst wirkt und vielleicht schon wieder voll im Alltag zu stehen scheint, wisst ihr nicht, wie es in ihm ausschaut. Es ist respektlos, über den Schmerzzustand zu urteilen. Und es vermittelt, dass das Gegenüber nicht bereit ist, den Kummer, der da ist, auszuhalten. Trauer hat kein Ablaufdatum. Es ist ein Lernprozess für ein Leben, in dem jemand fehlt. Und jeder muss die Zeit und den Raum haben, um sich damit in seiner Weise auseinandersetzen zu können. Du musst den Prozess nicht verstehen, aber du kannst und solltest respektieren, wenn jemand anders trauert, als du es dir vorstellst.

Andere Erfahrungen

Das sind in erster Linie unserer persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse, die wir gelernt haben. Wir hoffen, dass sie dem ein oder anderen eine kleine Hilfe an die Hand geben können. Natürlich freuen wir uns über ehrlich gemeinte Rückmeldungen und über weitere Hilfen, die bei anderen geholfen haben.

Markus und Sabine

P.S: Wir möchten uns an dieser Stelle für die vielen vielen guten Wünsche und tröstenden Worte bedanken, die wir bekommen haben. Auf sehr viele Karten, E-Mails und Briefe konnten wir nicht antworten oder reagieren. Ihr könnt aber sicher sein dass wir uns über jede Reaktion gefreut haben und alles angekommen ist. Viele von Euch haben versucht sehr persönliche Gedanken zu formulieren, wie wir es oft garnicht erwartet hätten - und sie versuchen es auch weiterhin bei vielen Zusammentreffen, wenn es angebracht scheint. Vielen Dank dafür.