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"Blauerlenkurs" im Defreggental 2007

Unterhaltsamer Bericht zum Lawinenentscheidungstraining der DAV-Sektion Rosenheim 2007 von Martin Lutz.

Vor der Arbeit das Vergnügen - Pulverabfahrt vom Kahorn

Vor der Arbeit das Vergnügen - Pulverabfahrt vom Kahorn

Lawinenentscheidungstraining der DAV-Sektion Rosenheim von Markus Stadler

Bericht: Martin Lutz Bilder: Martin Lutz und Markus Stadler

Die Abfahrt

Der Wecker fiebt unerbittlich. Aber es ist doch Samstag! Leicht unsicher tapse ich ins Bad und auch ein Schwall kaltes Wasser macht die Augen nicht unröter. Gut, dass ich alles für die Tour schon am Vortag zusammengepackt habe, sonst würde ich wohl am Berg ohne Felle dastehen oder mal wieder die Handschuhe daheim lassen oder wie auch immer. Diesmal ist es trotz akribischer Vorbereitung die Thermoskanne. Dann kurzes Frühstück, sofern der noch schlafende Magen das zulässt und ab ins Auto und Richtung Pfraundorf düsen zum Treffpunkt. Allmählich werde ich wach. Am Treffpunkt sind wir schon einer weniger, weil der Bruder vom Norbert sich das Kreuzband gerissen hat. Schade.Wir fahren mit zwei Autos los. Während die einen noch beim Bäcker sich Ihr Frühstück suchen, halten wir in Österreich um günstig zu tanken. Weiter geht's über Pass Thurn und Felbertauern ins Defereggental. Unterwegs sehen wir an den südseitig ausgerichteten Hängen nur sehr wenig Schnee. Hoffentlich wird das was mit den Schitouren! In Maria Hilf finden wir nach etwas Suchen unsere Unterkunft auf einem schönen Bauernhof. Wir setzen uns kurz zusammen und besprechen unsere heutige Tour. Große Lawinengefahr herrscht heute nicht bei einem 2er, aber immerhin in triebschneegefüllten Mulden werden wir unsere ersten Entscheidungen treffen dürfen. Wir entscheiden uns für eine Kahorn-Umrundung.

Grünerlenrodeo

Beim Aufstieg von Maria Hilf steigen wir Anfangs auf einer Rodelbahn, dann entlang einer Abkürzung zur Jausenstation "Wilderer Stüberl". Die einzigen Wilderer, die man hier trifft sind noch vom Vorabend bleiche Snowboarder, die oben ohne und mit einer Schaufel bewaffnet in der Morgensonne sich auf die Untaten des neuen Tag vorbereiten. An einer Schanze sollen hier die coolsten Jumps für die nächste Boarder-Zeitung photographiert werden. So lange können wir jedoch nicht warten und schon bald spuren wir in einen Wald oberhalb hinein. Das Thema heißt nun spuren im unübersichtlichen Gelände. Ich darf mich auch darin üben und habe als erster immerhin den Vorteil, dass unter meinen Schiern noch Schnee liegt, während der letzte in der Gruppe bereits mit quer liegenden glitschigen Zweigen zu kämpfen hat. Schwitzend kommen wir weiter oben in einen traumhaften Pulverschneehang mit ein paar Bäumen und der Gedanke auf einen Abfahrt im Pulver motiviert alle ungemein.

Hoch über dem Defereggental
Hoch über dem Defereggental

Wir haben bereits einiges an Höhe gewonnen und queren weiter Richtung Kahorn. Die Aussicht ist hier bereits sehr fein. Wir sehen das langgezogene Tal unter uns, wo die meisten Tourengeher auf die Hochkreuzspitze hinterhatschen. Der Himmel ist immer noch blankgefegt. Es werden ein paar Mulden gequert, aber alle haben weniger als die kritische Neigung von 30°. Nur einmal müssen wir die Entlastungsabstände einhalten und mit ca. 10m Abstand queren.

Unterhalb vom Kahorn stehen wir dann vor einer größeren Stufe, wo wir mit Schiern nicht mehr weitergehen können. Absteigen und Tragen wäre schon drin. Aber die Sonne verschwindet hinter der Wolken und die Motivation auf Absteigen und evtl. schlechte Verhältnisse auf der Westseite des Kahorns lassen uns hier umdrehen.

Mittels Karte suchen wir uns die beste Abfahrt ins Tal. Ein paar mal ramponieren wir uns die Beläge aber es sind auch ein paar schöne pulvrige Stellen dabei. Weiter unten erkennen wir die Grenzen unserer Tabacco-Karte und sehen uns steilerem Gelände gegenüber als erwartet. Der Schnee bedeckt nur sehr wenig die ganzen Büsche. Somit beginnt unser Grünerlen-Rodeo. Eben war ich noch recht sicher auf meinen Schiern und plötzlich kann ich nicht mehr Schifahren. Somit probiere ich sämtliche Variationen des Hangabrutschens auf Bauch, Gesäß und Hüfte und aber auch auf beiden Beinen, wobei die Kunst darin liegt, den massiveren Gewächsen im Hang auszuweichen. Man wird förmlich gezwungen die Schier zusammenzuhalten, da sonst ein Strauch sich zwischen den Beinen verfangen würde. Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen Umweltschutz und so, aber die Büsche wachsten eh eher wie Unkraut hier.

Hellboden, Aufstieg zum Himmel

Da uns die Normalwege zu normal sind, entscheiden wir uns als Überschreitung nicht den Weg über die Hochkreuzspitze zu wählen sondern über den Hellboden. Und weil wir ja nicht zum Spaß da sind und das ein Lawinenkurs ist, nehmen wir auch gleich den direkten Weg durch Mulden und steileres Gelände. Möglich ist das nur, weil wir immer noch Lawinenwarnstufe 2 haben und der Schnee gut gesetzt ist. Nur in den Mulden wird es interessant.

Vorläufig haben wir aber noch den Talhatscher vor uns. Gabor wühlt sich motiviert durch den Schnee und macht uns eine schöne Spur. Linksrum bis die Lunge pfeift, rechtsrum dann wieder die ersehnte Entspannung.  Beim Checkpoint am Ende des Tals suchen wir uns die ideale Route, soweit wir das von hier ausmachen können.

Unterwegs sehen wir, dass die Mulden schon hübsch mit Triebschnee gefüllt sind und wir üben am Rand der Mulden, wo es sicherer ist das Spitzkehren gehen. Weiter oben müssten wir eine Mulde queren, was aber zu gefährlich ist und somit gehen wir hier am Rand mit abgeschnallten Schiern direkt hoch, bis das Gelände allmählich flacher wird.

on hier aus ist der weitere Aufstieg zum Gipfel recht einfach. Der Grat ist ziemlich breit und man kann bequem auf den Gipfel gehen. Leider hat es sich soweit bewölkt, dass uns der traumhafte Fernblick verwehrt bleibt.

Für die Abfahrt fahren wir den breiten Grat wieder runter Richtung Pass und suchen uns eine passende Rinne. Aufgrund der schlechten Sicht übersehe ich eine Sprungschanze und springe, und falle eher unkontrolliert. In die zweite Rinne mit ungefähr 40 Grad Gefälle ohne Triebschnee biegen wir ab. Weiter unten geht es stufenweise das Kar hinab bis zu einer Rodelbahn, wo wir wegen des pappigen Schnees fast anschieben müssen, um in das Tal nach Sankt Magdalena in Südtirol zu gelangen.

Überschreitung zurück ins Defereggental mit Hinterbergkofl

Der berühmte dritte Tag. Gleich von unten weg habe ich etwas Probleme mit den aufgeriebenen Schienbeinen. Nach einer halben Stunde machen wir eine Pause und Norbert klebt die Problemstellen großflächig mit Tape ab und siehe da, es tut nicht mehr weh. Leider verabschieden sich Gotthart und Wolfgang wegen Problemen mit der Kondition und wählen den motorisierten Gebietswechsel.

Unterwegs zum Hinterbergkofl
Unterwegs zum Hinterbergkofl

Kurze Zeit später erscheint die beim Petrus georderte Sonne und wir gehen im T-Shirt den Hang hoch. Da es so schön warm ist, nutzen wir die Gunst der Stunde und graben nach einer schönen Pause zwei Schneeprofile. Hier entdecken wir, wie viele Zwischenschichten in so einer Schneedecke enthalten sind und wie gut die einzelnen Schichten sich verbunden haben. Zum Abschluss lässt Markus dann noch die oberste Schicht, die wir als am rutschigsten eingestuft haben als Minilawine abgehen. Fazit, diese Methode ist sehr aufschlussreich, braucht aber schon etwas Zeit. Zum lernen ist es bestimmt nicht verkehrt einmal ein Schneeprofil gegraben zu haben.

Der weitere Aufstieg zum Hinterbergkofl führt durch immer steiler werdendes Gelände bis zu einem Pass und dann von der anderen Seite bis zum Schidepot. Von hier aus gehen wir entlang des Grats ohne Schier zum Gipfel, wo wir kurz Blick auf die Dolomiten haben, bevor die Bewölkung wieder die Sicht versperrt. Unterwegs bricht Gabor ein Teil der Bindung und er muss sich viel Zeit lassen beim Aufstieg, damit er nicht ständig aus der Bindung fliegt.

Auf der Abfahrt kommen oben etwas die Steine durch die Schneedecke, wodurch Norbert sich bei einem Stunt die Schier anbricht, aber ohne Probleme weiterfahren kann. Wäre auch zu schade gewesen, denn die Hänge ins Tal sind ein Pulvertraum (ohne Grünerlen).

n der nähe vom Obersee kommen wir zu einem Gasthaus, wo wir freundlich darauf hingewiesen werden, dass die Abfahrt auf der Strasse ins Defereggental nicht zu empfehlen ist. Dafür gibt es einen Shuttle-Bus. Und so verheizen wir einen Teil der mühsam erklommenen Höhenmeter im VW-Bus, bis wir an einer Kurve umsteigen müssen. Zuerst denke ich an einen Lawinenstrich, als der Bus vor einer Kurve anhält. Aber nein, hier wird eine Steilwand in der Kurve aufgeschüttet, um einen Werbefilm für einen Autohersteller zu drehen. Man könnte zwar mit dem Auto vorbeifahren, aber zur Sicherheit sollen wir umsteigen in einen anderen Bus, der nach der Kurve auf uns wartet. Wir schnallen lieber die Schier an und düsen auf der rutschigen Strasse dem Bus davon bis eine Langlaufloipe kreuzt. Hier skaten die einen und laufen die anderen (so wie ich) klassisch die letzten 3,5 Kilometer bis in die Nähe des Parkplatzes, wo unsere Autos stehen.

Beim Bauernhof in Maria Hilf, wo wir noch einmal nächtigen wollen, treffen wir Gotthart und Wolfgang, die ihre Odysee mit Bus und Bahn durch Südtirol und Osttirol erfolgreich absolviert haben und tatsächlich angekommen sind. Gabor und Wolfgang fahren an diesem Abend nach Hause. Gabor, wegen der Probleme mit der Bindung und wegen ordentlichen Blasen an den Füssen und Wolfgang hat anscheinend genug von den Touren. Am Abend fängt es an, ordentlich zu schneien. Haben wir ja beim Petrus bestellt. Wir philosophieren noch beim Abendessen, ob es nun förderlich für Schneefall ist, aufzuessen oder nicht. Denn wenn man nicht aufisst, dass wird es schlechtes Wetter und das bedeutet doch Schneefall in den Berge, oder nicht?

Königstour von Sankt Jakob aus auf die Langschneid

Neuschnee im Aufstieg zur Langschneid
Neuschnee im Aufstieg zur Langschneid

Jawoll, es hat geschneit. Zwar nur 15-20cm, aber immerhin. Der Pulver scheint uns heute gewiss. Wir fahren mit dem Auto von Maria Hilf nach Sankt Jakob und starten von hier im "Berchtesgadener Gang" (=eher quer zur Höhenlinie) aus dem Tal durch den Wald auf dem Sommerweg. Weiter oben kommen wir in flacheres Gelände und machen ein wenig VS-Training. Wir werden auf das Problem der Nahsuche aufmerksam gemacht. Wenn der Verschüttete tiefer liegt, als unsere verbuddelten Piepser, dann kann es sein, dass man zwei Maxima entdeckt, wo das Suchgerät die geringste Entfernung anzeigt. Der Verschüttete liegt dann in der Mitte. Die Übung läuft bei allen relativ routiniert ab.

Wir gehen weiter. Inzwischen hat der Wind den ganzen frischen Schnee hübsch verblasen und bei Lawinenwarnstufe 3 muss man heute etwas mehr aufpassen wie gestern. Allerdings sind die Hänge, die wir queren nicht so steil und somit besteht die Gefahr eines Schneebrettes kaum. Kurz vor der Scharte sehen wir einen Riss in der Schneedecke. Hier hat der Wind besonders viel Schnee über die Scharte geweht.

Hinter der Scharte schwenken wir nach rechts Richtung Norden und steigen weiter auf zum Gipfel der Langschneid. Es geht durch weitere triebschneegefüllte Mulden mit geringer Steigung in einer vom Wind geformten bizarren Schneelandschaft. Eigentlich bin ich vom langen Aufstieg etwas k.o. aber zugleich fühle ich mich irgendwie dankbar diese tolle Landschaft erleben zu dürfen.

Wie in einer Schneewüste
Wie in einer Schneewüste

Ziemlich bald zwingt uns die Kälte und der Wind zum Umkehren. Wir fahren wieder entlang der Aufstiegsspur in Richtung Tal. Leider ist der Schnee nicht so der Powder und der Hang nicht steil genug. Daher kommt man nur teilweise in einen schönen Tiefschnee-Rhythmus. Aber macht trotzdem sehr viel Spaß. Der Grünerlen-Abschnitt im Hang, den ich schon beim Aufstieg eher kritisch beäugt hatte ist dann eine Riesengaudi. Mit viel Schwung geht ähnlich einer Achterbahn genau eine Slalomspur durch die Grünerlen hindurch. Man muss eigentlich nur lenken.

Weiter unten im Wald nehmen wir eine schmale Schneise, die direkt ins Tal führt. Zum Glück ist der Schnee hier so pappig, dass es genug bremst. Sonst würde es hier sehr schnell werden!

Dann geht alles sehr schnell. Viel zu schnell. Wir müssen die schöne Bergwelt hinter uns lassen. Die Schier ins Auto und ab geht's Richtung Heimat. Eigentlich wollen wir noch was trinken und essen. Aber irgendwie haben alle Gasthäuser zu an diesem Tag. Erst kurz vor dem Felbertauerntunnel werden wir fündig.

Zum Abschluss darf ich zu Hause dann noch das Tape von meinen Schienbeinen herunterreißen, was einer kleinen Enthaarungskur gleichkommt. Zähne zusammenbeißen und ratsch! Als es vorbei ist, bin ich froh und es kommen wieder die vielen schönen Landschaftsbilder in mein Gedächtnis. Mögen noch viele solche verlängerten Tourenwochenenden kommen!

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