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Piding - Inzell: Staufenüberschreitung

Blick vom Hochstaufen zum Zwiesel und nach Inzell

Manchmal hält das Leben spontane Überraschungen bereit. Samstagabend eine Diskussion im Familienrat über die Tagesplanung des anstehenden Sonntags: 33 Grad Hitze sind angesagt, Sonne den ganzen Tag, ziemlich sicher keine Gewitter. Die angedachte Unternehmung am Berg oder im Klettergarten fällt buchstäblich ins Wasser. Der Familienvater fühlt sich aber nach einer Woche Schreibtisch zu unausgelastet für ein paar Stunden Badesee und beschließt ein Soloprogramm weil sich auf die Schnelle auch kein Alpinpartner mehr auftreiben lässt. Auf meiner alpinen Wunschliste steht seit Jahrzehnten eine Unternehmung, die mir immer irgendwie zu wanderlastig war, um sie tatsächlich anzugehen: Die Hochstaufen-Überschreitung mal in ihrer vollen Länge vom Staufeneck bei Piding bis in die Zwing zwischen Inzell und Weißbach - etwa 1800 Hm und 20 Kilometer Wegstrecke. Damit es sich lohnt will ich mir dabei auch den Pidinger Klettersteig mal ansehen.

Die Anreise

Kurz vor halb 7 schwinge ich mich in der kühlen Morgenluft aufs Radl, um 6.40 Uhr sitze ich im Regionalexpress Richtung Salzburg. Kurzer Umstieg in Freilassing in die S-Bahn Richtung Berchtesgaden und schon bin ich am Ausgangspunkt in Piding - tief unten im Saalachtal auf 450 m ü. NN. Es ist kurz vor 8 Uhr und die Sonne ist bereits kräftig am Heizen. Durch den noch etwas verschlafenen Ort spaziere ich hinauf zum Schloß Staufeneck und durch den schattigen Wald weiter bis zum Alpenblumengarten. Hier gibt's nochmal einen kräftigen Schluck Wasser und ich fülle meine 1,5 Liter Flasche bis zum Rand auf, weil ich davon ausgehe, dass es die letzte Wasserstelle vor der Kohleralm sein wird. Weiter geht's über die Forststraße und einen kurzen Steig zum Einstieg des Pidinger Klettersteigs. Es ist jetzt etwa halb 10 und vor mir sind gerade zwei andere Bergsteiger in den Drahtseilweg eingestiegen.

Pidinger Klettersteig

Ich lege Helm und Gurt an und folge ihnen. Über ein paar kurze Steilstufen ziehe ich mich an den Kabeln nach oben, danach wirds schon wieder flacher und ich verzichte auf die Sicherung, um zügig vorwärts zu kommen. Ein netter Weg führt über ein paar Schotterrinnen nach rechts und gibt mir die Möglichkeit, zwei Vorgänger zu überholen. Dann wird es wieder steiler, dafür ist aber die Wand im Schatten noch angenehm kühl. Nach der Steilstufe folgt wieder ein Gehstück und der Hinweis auf den "Letzten Notausstieg". Ich nehme ein paar Schluck aus der Flasche und genehmige mir einen Apfel, bevor es in moderater Schwierigkeit weitergeht, so dass ich flott vorwärts komme. Wieder folgt ein kurzes Gehstück bergab über eine Rinne. HIer laufe ich auf eine Seniorengruppe auf, die sich gerade an einer plattigen, aber im Vergleich zu anderen Passagen nicht sonderlich schwierigen Stelle abmüht. Beim Warten hab ich viel Zeit, den Letzten der Gruppe zu beobachten, der sichtlich am Limit ist. Ich hoffe, dass seine Gruppe ein Sicherungsseil dabei hat, um ihm weiter oben über die steilen Stellen helfen zu können. Am folgenden Schuttkessel beschließt die Gruppe zu rasten, so dass ich problemlos vorbeikomme - ich höre und sehe dann nichts mehr von ihnen, was wohl ein gutes Zeichen ist. Nach ein paar weiteren steilen Drahtseil-Hangeleinlagen stehe noch vor Mittag am Gipfel des Hochstaufen. So richtig anfreunden kann ich mich mit der Bewegung und dem unrhytmischen Sichern im Klettersteig nicht, aber als Option für den heutigen Tag und als Zustieg für die Staufenüberschreitung war der Klettersteig ideal.

Hochstaufen-Gamsknogel

Am Hochstaufen (1771 m) fülle ich erstmal meine Energiereserven wieder auf. Die Hände und Oberarme haben ihr Soll für heute erfüllt, ab jetzt sind die Wadl und Oberschenkel dran. Beim Blick auf Watzmann und Hochkalter schwirren mir zahlreiche Schmetterlinge um die Nase - darunter auch die großen und wunderschönen gelbe Schwalbenschwänze. Gegen Viertel nach 12 mache ich mich wieder auf den Weg. Ich bin im Zeitplan. Um 16.50 fährt ein Bus an der Zwing nach Inzell ab, den ich erreichen möchte, eine Viertel Stunde später ginge ein Bus in Richtung Bad Reichenhall. Viereinhalb Stunden für diese Strecke ist sportlich (am Wegweiser ist diese Zeit bis zum vorletzten Gipfel, dem Gamsknogel angegeben), aber für mich müsste das machbar sein.

Anfangs geht es am breiten Wanderweg, am Reichenhaller Haus vorbei abwärts in Richtung Bartlmahd. An der Scharte vor dem Mittelstaufen zweigen Rechts die Markierungen meiner Überschreitung ab. Leichtes Schrofengekraxel führt mich hinauf Hendlbergskopf und zum Mittelstaufen (1618 m) und jenseits wieder hinab in die Roßkarscharte vor dem Zennokopf - allerdings sind dazwischen noch ein paar Türmchen, so dass es dann doch etwas mehr Auf- und Ab ist, als erwartet. Der Blick nach Süden und manchmal auch nach Norden ist grandios, auch wenn die Sommerluft nicht so klar ist wie im Herbst oder Winter. Zwischendurch schlängelt sich der Weg immer wieder durch enge Latschengassen - einmal komme ich ums Eck und stehe direkt vor eine Gams. Das Tier schaut mich ruhig an und macht keine Zuckung, sondern grast gemütlich weiter. Der lange Gegenanstieg hinauf über den Zennokopf (1756 m)  zieht sich und in den Latschenfeldern steht die Hitze. Am Zwiesel (1781 m) angekommen klebt mir die Zunge am Gaumen und ich leere meine Flasche bis auf eine kleine Rest-Reserve. Dafür ist jetzt das Schlimmste geschafft. Der Übergang zum Gamsknogel (1750 m) hat nur einen kleinen Gegenanstieg und danach gehts es nur noch bergab bis zur Kohleralm.

Das Missgeschick

Dort angekommen ein kurzer Uhrenvergleich - es ist Viertel nach drei. Ein Getränk sollte sich ausgehen. Ich denke, dass ich den Weg bis in die Zwing in eineinhalb Stunden schaffe. Ich geb dem Senner die drei Euro für eine Limodose und lasse mir das sprudelnde Zuckerwasser die Kehle runterlaufen. Dann fülle ich am Brunnen noch meine inzwischen leere Trinkflasche auf, verabschiede mich und mach mich wieder auf den Weg. Ein schmaler Bergsteig führt nun nach Westen hinauf auf das Gruberhörndl (1493 m), meinen letzten "Gipfel" des Tages. Der Inzeller Talkessel liegt mir jetzt zu Füßen und ist bereits zum Greifen nahe. Ein letzter Blick zurück zum Gamsknogel und zum Zehnerstein, dann mach ich mich mit schnellen Schritten an den Abstieg. Am Hochplateau kurz vor der Weittalhütte hole ich mein Handy aus dem Rucksack um auf die OSMAND-App zu schauen. Hier sollte ich den richtigen Abzweig nicht verpassen. Dabei fällt mir auf, dass mein Geldbeutel nicht mehr im Rucksack ist. "Verdammter Mist - der liegt wohl oben beim Brunnen auf der Kohleralm". Wer es nicht im Kopf hat, brauchts in den Füßen. Also nochmal zurück: Wieder hinauf auf das Gruberhörndl, hinten runter und rüber zur Alm. Das war in meinem Zeitplan leider nicht vorgesehen, aber hilft ja nichts.

Abstieg und Heimreise

Erneut an der Alm angekommen, gönne ich mir zuerst eine Cola. "Es wäre kürzer, direkt über Einsiedl nach Inzell abzusteigen" überlege ich. Allerdings ist fraglich, ob ich den Bus dort dann noch erwische und leider hab ich gerade kein Netz, um evtl. Alternativen abzuchecken. Von daher beschließe ich, dass es egal ist und mir schon irgendwas einfallen wird - aber zuerst bringe ich die Tour zu Ende. Immerhin eilt es jetzt nicht mehr und ich kann den relativ wilden und anspruchsvollen Steig von der Weittalhütte am Großen Turm vorbei hinab in die Zwing in Ruhe und mit der gebotenen Vorsicht absteigen. EIn kurzer Stopp am "Wasserloch" - der kristallklaren Quelle des Weißbachs - ist die perfekte Abkühlung nach diesem steilen Abstieg in der flirrenden Hitze über die sonnenbeschienene Westflanke. Ziemlich genau eine Stunde nach Abfahrt meines Busses stehe ich dann an der Bushaltestelle und studiere den Fahrplan. "Tatsächlich - das war der letzte Bus an diesem Tag". Gegenüber in Fahrtrichtung Bad Reichenhall das gleiche Ergebnis. In dem engen Tal hab ich immer noch kein Handy-Netz, um zu prüfen, ob vielleicht vom Busbahnhof in Inzell noch eine Linie nach Traunstein rausfährt. Also wandere ich in der spätnachmittäglichen Hitze noch eine halbe Stunde bis zur Ortsmitte, um dort festzustellen, dass ein gar nicht so kleiner Ort wie Inzell an einem Sonntag nach 17 Uhr vom öffentliche Nahverkehrsnetz abgekoppelt ist.

So stehe ich kurz darauf mit ausgestrecktem Daumen an der Hauptstraße und nach etwa 10 Minuten stoppen zwei junge Männer und nehmen mich mit nach Siegsdorf. Sie machen sogar noch einen kleinen Umweg zum Bahnhof und kaum steige ich dort aus dem Auto aus, fährt auch schon der Zug aus Ruhpolding ein. Dank Deutschlandticket fällt jetzt der Stress, noch schnell eine Fahrkarte kaufen zu müssen weg. Ich hüpfe in den klimatisierten Zug und die Wartezeit in Traunstein auf den (mal wieder wegen der dämlichen Grenzkontrollen in Freilassing) verspäteten Anschlusszug nach Rosenheim nutze ich, um meine verbliebenen Brotzeitreserven zu vertilgen. Als ich eine Dreiviertel Stunde später vom Rosenheimer Bahnhof nach Hause radle, legt sich die Sommerhitze bereits wieder und die Familie ist erst kurz davor von ihrem Badeausflug heimgekommen. So hatte jeder einen ausgefüllen Tag ganz nach seinem Geschmack.

Infos zur Tour

Anreise am besten mit Öffis: Das erleichtert die Logistik ungemein. Allerdings ist dann zügiges Gehtempo angesagt, vor allem am Wochenende, da in Inzell gegen 17 Uhr die letzten Busse fahren. Oder man plant die Tour Wochentags, dann hat man etwas mehr Zeit. Den Bahnhof Piding erreicht man mit Umstieg in Freilassing (Strecke München-Salzburg) mit der S-Bahn in Richtung Bad Reichenhall/Berchtesgaden. Am Endpunkt beim ehemaligen Gasthaus Zwing 2 km südlich von Inzell gibts eine Bushaltestelle der Strecke Traunstein-Bad Reichenhall.

Route:

Man startet in Piding und folgt der Ausschilderung zum Hochstaufen, vorbei am Schloß Staufeneck. Jetzt ist auch der Pidinger Klettersteig bereits ausgeschildert, den man nach 1,5 bis 2 Stunden vom Bahnhof erreicht. Der Klettersteig führt über 650 Höhenmeter auf den Gipfel des Hochstaufen und ist über längere Strecken im Schwierigkeitsgrad C - es gibt aber auch ein paar Stellen D. Ein Klettersteigset ist hier auch für erfahrene Alpinkletterer kein Luxus. Zwischendurch gibt es aber auch Gehgelände und längere leichte Abschnitte im Schwierigkeitsgrad A und B. Wenn man sich beeilt, nur in den schweren Passagen sichert und wenn kein Stau ist, sollte man 2-3 Stunden für den Steig rechnen, wer auch in den A und B Passagen komplett sichert, wird aber eher länger brauchen.
Ein Topo des Pidinger Klettersteigs gibt es bei via-ferrata.de.

Vom Gipel folgt man dann der Beschilderung Richtung Zwiesel/Gamsknogel - erst auf breitem Wanderweg, dann auf schmalem alpinem Bergsteig, der gut markiert und an einigen Stellen auch mit Drahtseilen gesichert ist, zwischendurch aber auch leichtes Klettergelände im Schwierigkeitsgrad I nach UIAA aufweist, stellenweise auch etwas ausgesetzt. Der Gratübergang zum Gamsknogel hat insgesamt etwa 400 - 500 Höhenmeter Gegenanstiege. Man sollte auf alle Fälle 2,5 bis 3 Stunden dafür einkalkulieren. Der Abstieg zur Kohleralm hat dann noch ein paar kurze felsige Stellen mit Drahtseilen, bevor es in einen leichten Wanderweg übergeht.

Von der Kohleralm könnte man ohne Schwierigkeiten in etwa einer Stunde nach Norden (Inzell) oder Süden (Weißbach) absteigen. Ein spannendes Finale bietet der Abstieg vorbei am Großen Turm in die Zwing. Dazu zweigt man gleich nach der Kohleralm hinter dem Zaun auf den kleinen Bergweg rechts ab (grün-weisse Markierungen), folgt im hinauf zum Gruberhörndl und steigt jenseits ab zur Weittalhütte (kurz vor der Hütte den Abzweig nach links ignorieren). An der Hütte gabelt sich der Weg dann, der markierte Weg führt gerade dran vorbei und direkt hinter der Hütte zweigt rechts ein kleiner, nicht markierter Jägersteig ab. Auf diesem geht es nun kurz nach Norden zu einer Verzweigung, wo man links abbiegt. Zuerst steigt man steil im Zickzack durch den Wald ab, dann quert man in sehr steilem Gelände hoch über den Abbrüchen um ein Eck und an einem Drahtseil hinab zum Großen Turm. Von dort folgt man nun dem wieder deutlicheren Weg aber in immer noch steilem Gelände um den Turm westlich herum (einige pinke Markierungen). Zuletzt führt der Steig durch den Hochwald nach links hinab zum "Wasserloch". Links oder rechs vom Bach beliebig zur Straße und auf dieser hinaus zur B305 (Bushaltestelle). Für diesen Abstieg von der Kohleralm ist gutes Orientierungsvermögen und absolute Trittsicherheit erforderlich, bei Nässe sollte man den steilen Steig über den Großen Turm meiden, da er teils in sehr steilem Grasgelände verläuft (alternativ von der Weittalhütte über den Grün-Weiß-markierten Weg weiter nach Weißbach, ebenfalls Bushaltestelle).