Markus Stadler

Ausrüstung

Eine sinnvolle Bergapotheke

Keep it simple oder: Die goldene Mitte

by Dr. Nicole C. Eckert

  1. Einige Worte vorab
  2. Die Mini-/Sportkletter-Apotheke
  3. Tages- und Mehrtagestouren-Apotheke
  4. Anwendung
  5. Kinesio-Tape am Berg
  6. Quellen

Hubschrauberbergung im GebirgePassiert ist schnell etwas in den Bergen - gut wenn eine gut ausgerüstete Rucksackapotheke eine rasche und angemessene Erstversorgung bis zum Eintreffen professioneller Retter erlaubt.

1. Einige Worte vorab

Die folgenden Empfehlungen beziehen sich auf Tages- und Mehrtagestouren im Alpenraum, nicht hingegen auf Fernreisen und Höhenbergsteigen. Es handelt sich ferner um meine persönliche Empfehlung für eine Bergapotheke. Diese ist bei mir in den letzten 20 Jahren sowohl aus eigenen Erfahrungen als bergsteigende Ärztin als auch durch zahlreiche Kurse bei der Bexmed (Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin) und Literatur wie von Walter Treibel (siehe Quellen) gewachsen.

Die Bergapotheke fängt bei mir schon mit der Rucksackaufteilung an. Die Sam-Splint-Schiene ist als zweiter Boden immer im Rucksack. Ebenso das Dreieckstuch, das schnell griffbereit im Deckelfach wohnt. Dort wohnt auch die Mini-/Sportkletter-Apotheke, ohne die ich nicht losziehen darf und: die SOFORT griffbereit sein muss, sodass ich zur Not auch in einer Wand schnell eine Platzwunde versorgen kann, ohne großes Wühlen und Abstellen vom Rucksack.

Für etwas größere Touren habe ich die klassische Bergapotheke dann als gut sortiertes Paket im Rucksack. Ich unterscheide dabei nicht zwischen Tages- und Mehrtagestouren, sondern berücksichtige eher die Qualität und infrastrukturelle Anbindung der Tour und die Anzahl der Personen, die ich medizinisch zu versorgen habe. Auch wenn Sport- und Eisklettern unfallträchtiger sind als beispielsweise eine Karwendeldurchquerung, reicht mir meine Mini-Apotheke, wenn das ganze in Straßennähe stattfindet, vollkommen aus, während ich auch bei einfachen Wanderungen meine klassische Bergapotheke mitführe.

Dabei ergänzen sich meine Einzelbausteine. Das heißt, die Mini-Apotheke, die im Deckelfach wohnt, zieht niemals aus. Sie wird nur durch die klassische Bergapotheke ergänzt, welche alleine lückenhaft wäre (da sich z. B. Novalgin nur in der Mini-Apotheke befindet). Bei aufwändiger unterteilten Rucksäcken mit mehreren Außenfächern, wie bei einem BW Rucksack, bietet es sich an, auch für die klassische Bergapotheke eine schnell zugängliche Seitentasche zu reservieren. Damit behält man Ordnung und Überblick und hat man im Notfall ohne Wühlerei alles Wichtige schnell zur Hand.

Ich habe eine etwas andere Einteilung als zum Beispiel Walter Treibel in seinem Standardwerk "Erste Hilfe und Gesundheit am Berg und auf Reisen", was nicht heißt, dass ich das eine besser oder schlechter finde. Treibels Buch kann ich unbedingt empfehlen und dessen Modul-Einteilung liegt vielleicht anderen noch besser als meine Empfehlung. Aber viele Wege führen eben nach Rom und ich kann nur raten, die eigene Wahrheit aus vielen fremden Anregungen zu ziehen. Nicht nur beim Packen der Bergapotheke.

In diesem Sinne wünsche ich viel Spaß beim Durchstöbern meiner kleinen Berg-Ambulanz und bin freue mich über konstruktive Kritik und neue Ideen.

2. Die Mini- oder Sportkletter-Apotheke

Passt in jedes Deckelfach - die Sportkletter-Apotheke.
Passt in jedes Deckelfach - die Mini-Apotheke.

Mini-Apotheke im Deckelfach

Rucksack

DreieckstuchSam-Splint-Schiene
1x Verband
1x sterile Kompresse
Steri-Strips („Klammer-Pflaster“)
Tape
Novalgin-Tropfen (Schmerzmittel)
Schere (im Taschenmesser)

Mit der Mini-Apotheke kann ich innerhalb weniger Minuten Platzwunden versorgen und blutende Wunden mittels Druckverband stillen. Außerdem ist eine Schmerztherapie verfügbar, auch wenn das Gelände ausgesetzt und ein Ablegen des Rucksacks nicht möglich ist und man ggf. in unvorteilhafter Position auf den Hubschrauber warten muss.

3. Die klassische Bergapotheke

Überblick über eine typische BergapothekeÜberblick über eine typische Bergapotheke

Deckelfach
(siehe 2.)

Rucksack (Verbandsmaterial)

Rucksack (Medikamente)

DreieckstuchSam-SplintHustentabletten mit Codein
1x VerbandPflaster10 Stk. Ibuprofen 400 mg
1x sterile Kompresse3x sterile Kompressen10 Stk. Trental 400 mg
Steri-Strips2x VerbandNasenspray
TapeBlasenpflasterPfefferminzöl
Novalgin-TropfenSteri-StripsFenistil-Gel
SchereKinesio-TapeVoltaren-Gel
2 sterile KanülenAciclovier-Salbe
1 sterile SpritzeAugentropfen
1 Pinzette Octenisept Desinfektionsspray
1x sterile Handschuhe
Güdel-Tubus

4. Anwendung und Dosierung der vorgestellten Medikamente und Materialen

Deckelfach

Einsatz / Anwendung

Dreieckstuch

Armschlinge, Druckverband, improvisiertes Tourniquet ( (Abbinden =>Leitsatz „Stop the Bleading“) )
Verband Wundverband
sterile Kompresse sterile Wundabdeckung
Steri-Strips Platzwundenverschluss
Tape Stabilisierung, Befestigung
Novalgin-Tropfen Schmerzmittel, 40 Tropfen, nur beim wachen Patienten mit Schutzreflexen
Schere

Verbandsmaterial

Sam-Splint Schienen von Knochenbrüchen auf Zug, Halskrawatte bei fraglichem Halswirbelsäulenbruch
Pflaster
sterile Kompressen sterile Wundabdeckung
Verband
Blasenpflaster
Steri-StripsPlatzwundenverschluss
Kinesio-Tape Siehe 5.
sterile Kanülen Wundversorgung
sterile Spritze
Pinzette Wundversorgung
sterile HandschuheWundversorgung
Güdel-Tubus Freihalten der Atemwege bei bewusstlosen Patienten (geht auch improvisiert mit einem abgeschnittenen Trinkschlauch, den man in die Nase einführt und bis zum Rachen vorschiebt)

Medikamente

Hustentabletten mit Codein Bei störendem Reizhusten nachts im Matratzenlager
Ibuprofen 400 mg Leichte Schmerzen, Kopfschmerzen, Knochenschmerzen, Schwellungen, Halsschmerzen; max. 3x 1/Tag
Trental 400 mg Bei Erfrierungen oder prophylaktisch; max. 3x1/Tag; Anwendungsverbote beachten!
Nasenspray
Pfefferminzöl Kopfschmerzen, Verspannungen
Fenistil-Gel Sonnenbrand, Mückenstiche
Voltaren-Gel Sportverletzungen
Aciclovier-Salbe Lippenherpes
Augentropfen Bindehautentzündung, Strahlenreizung der Bindehaut am Gletscher
Octenisept Desinfektionsspray Desinfektion offener Wunden, Händedesinfektion vor Versorgung offener Wunden, Händedesinfektion bei Darm-Infekten

5. Kinesio-Tape am Berg

In der Sportmedizin haben die elastischen Acryl-Tapes längst Einzug gehalten und können, wenn man sie in einem realistischen Therapiefeld einsetzt, großes leisten.

Die pathophysiologische Überlegung dahinter ist sehr einfach, aber überzeugend. Über Hautrezeptoren wird Einfluss auf die Propriozeption, Bänder und die Durchblutung der Muskulatur genommen. Es ist somit bei grober Kenntnis der Anatomie von Muskel- und Bandapparat eine elegante und schnelle Methode, muskuloskeletale Schmerzen zu lindern, den Konsum von Schmerzmitteln zu reduzieren, kleine Haltungskorrekturen vorzunehmen, die Resorption von Schwellungen zu fördern und muskuläre Verspannungen durch eine verbesserte Durchblutung zu lösen. Am Berg sind es besonders Nackenverspannungen, Rückenschmerzen (Lumbalgien), Ansatztendinosen (Entzündungen an den Sehnenansätzen),  Karpaltunnelsyndrome u.a., die positiv beeinflusst werden können. Außerdem ist das flexible Tape wunderbar geeignet, um Blasenpflaster und jegliche andere Verbände besser zu fixieren.

Man kann mit den Tapes problemlos Sport betreiben, sie halten 3-5 Tage, man kann mit Ihnen duschen und die Anwendung ist einfach. Empfehlenswert ist es, sich in die Thematik einzulesen oder einen Kinesiotape-Kurs zu besuchen. Das folgende Foto zeigt eine beispielhafte Anwendung am oberen Rücken bei Nackenverspannung.

6. Quellen

  • Förster und Berghold: Lehrskriptum Alpin-und Höhenmedizin; Österreichische Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin und Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin; 14. Auflage, 2012
  • Treibel: Erste Hilfe und Gesundheit am Berg und auf Reisen; Bergverlag Rother; 2. Auflage, 2012
  • Kumbrink: K-Taping – Ein Praxishandbuch; Springer-Verlag, 1. Auflage, 2009

Autorin

Dr. Nicole C. Eckert
Zusatzbezeichnung Notfallmedizin,
Diploma of Mountain Medicine
Mitglied der Bexmed (Deutsche Gesellschaft für Höhen- und Expeditionsmedizin)
Tätig in der Abteilung für Anästhesiologie des Klinikums Großhadern, LMU