Markus Stadler

Know-how Skitouren

Tourenauswahl bei gefährlichen Bedingungen

Wo man bei angespannter Lawinenlage trotzdem unterwegs sein kann

In den letzten Wochen sorgten anhaltende Schneefälle in weiten Teilen der Nord- und Zentralalpen für eine dauerhaft angespannte Lawinenlage. Von Anfang bis Mitte Januar herrschte von Bayern über Tirol bis in die Steiermark fast durchweg Lawinenwarnstufe 3 bis 4. An einigen Tagen wurde in ein paar Regionen sogar Stufe 5 ausgegeben. Die Medien überschlugen sich in der Zeit in ihrer Hysterie geradezu mit Warnungen und Horrorszenarien. Der Mob in den Sozialen Medien griff das dankbar auf und schlug verbal auf jeden ein, der sich noch traute ein Foto aus dem Gelände zu posten.

In manchen Dörfern in den Staulagen gab es durchaus ernste Probleme, um den Schneemassen Herr zu werden: Straßen wurden wegen Lawinengefahr oder Schneebruch gesperrt, überlastete Dächer mussten abgeschaufelt werden, die Grundversorgung stellte örtlich größere Probleme dar. Über den gesamten betroffenen Bereich gesehen waren die Herausforderungen aber durchaus zu bewältigen und in einem Rahmen, wie es ein kräftiger Wintereinbruch eben mit sich bringt. Dass ganze Landkreise zum "Katastrophengebiet" erklärt wurden, weil ein paar Dörfer eine Ausnahmesituation erlebten, wirkte auf mich arg übertrieben. Wer es sich in solchen Zeiten nicht nehmen lassen will, von der Couch aufzustehen und Bewegung in den verschneiten Bergen zu suchen, sollte ganz besonderes Augenmerk bei der Auswahl eines geegneten Tourenziels walten lassen.

Die Gefahrenstufen der Lawinenlageberichte

Um eine Abschätzung zu treffen, welche Risiken außergewöhnliche Schneesituationen mit sich bringen, helfen die Gefahrenstufen der Lawinenlageberichte. Andauernde Neuschneefälle ohne größere Setzungspausen beinhalten vor allem die beiden Gefahrenmuster Neuschnee und Triebschnee.

Auf diese beiden Gefahrenmuster bezogen kann man zu den Gefahrenstufen vereinfacht folgende Aussagen treffen:

LWS 1 - geringe Lawinengefahr

Spontane Lawinen durch Neuschnee und Triebschnee sind nicht zu erwarten, ganz vereinzelt könnten aber Triebschneebereiche beim Betreten durch mehrere Personen als Lawine ausgelöst werden. Sofern es Neuschnee gegeben hat ist die Menge gering und er ist gut mit dem Altschnee verbunden.

LWS 2 - mäßige Lawinengefahr

Spontane Lawinen durch Neuschnee oder Triebschnee sind nicht zu erwarten oder höchstens als  kleine Rutsche aus gut abzuschätzenden Bereichen (z. B. bei Sonneneinstrahlung aus steilen Felsen). Frischer Triebschnee oder schlecht mit der Unterlage verbundener Neuschnee kann in Ausnahmefällen schon von einer einzelnen Person ausgelöst werden - meistens wird es aber noch eine große Zusatzbelastung (=mehrere Personen ohne Abstände) erfordern, die Lawinengrößen sind  überschaubar und erreichen keine größeren Auslauflängen.

LWS 3 - erhebliche Lawinengefahr

Frischer Triebschnee ist sehr leicht auslösbar (auch Fernauslösungen aus flachem Gelände) oder kann sich gelegentlich auch spontan lösen. Der Neuschnee ist entweder schlecht mit dem Altschnee verbunden oder hat bereits eine kritische Menge überschritten, so dass er sich spontan als Lockerschneelawine oder in Ausnahmefällen auch als Schneebrett (wenn er sich z. B. durch sein Eigengewicht in tieferen Schichten bereits gebunden hat) abgeht. Die Lawinen können bereits so groß sein, dass sie größere Strecken in flaches Gelände oder auch mal in bewaldete Bereiche vorstoßen. Es gibt aber meist auch noch Hänge über 30 Grad, die sicher sein können - ein gewisser Spielraum ist also für erfahrene Tourengeher noch vorhanden.


Fernauslösung von Triebschnee bei Lawinenwarnstufe 3

LWS 4 - große Lawinengefahr

Allgemein sind Hänge ab 30 Grad tabu (außer sie sind z. B. komplett vom Wind abgeblasen).  Lawinen durch Neuschnee oder Triebschnee können häufig spontan abgehen, über weitere Strecken fernausgelöst werden und sehr groß werden und auch große Flachstücke überwinden oder komplett neue Schneisen in große Waldgürtel schlagen. Es ist daher wichtig, dass man Bereiche unterhalb eines möglichen Lawineneinzugsgebiets komplett vermeidet. Ich persönlich bin bei solchen Bedingungen nur noch an harmlosen Bergen mit höchstens kleineren potentiellen Lawinenhängen unterwegs, die sich weiträumig umgehen lassen. In hochalpinem Gelände mit großen Hängen und enormen Höhenunterschieden wird dann kaum noch eine sichere Möglichkeit zu finden sein.

LSW 5 - sehr große Lawinengefahr

Diese Lawinenwarnstufe hat für den Skitourengeher eigentlich keine große Bedeutung. Erstens wird sie extrem selten ausgerufen (nur Katastrophensituationen alle paar Jahre mal, wo Siedlungen und Straßen betroffen sind) und dauert fast immer nur einen oder zwei Tage.  Und zweitens ändert sich unser Handlungsrahmen gegenüber Stufe 4 kaum, außer dass dann die für uns bei Stufe 4 bereits inakzeptablen Bereiche aufgrund gesperrter Straßen auch offiziell nicht mehr erreichbar sind. An den harmlosen Vorbergen, wo bei Stufe 4 nichts abgehen kann, wird auch bei Stufe 5 (falls es sie dort je geben wird) keine Lawine abgehen. Der Abstand zu möglichen kleinräumigen Lawinenzonen muss noch größer gewählt werden. Allerdings wird man sich dann bauchtief durch den Schnee wühlen müssen - aufwärts wie abwärts. Also besser abwarten oder ein Gebiet aufsuchen, für das die Gefahr geringer ist.

Hangneigung und Lawinengefahr

Die verschiedenen Risiko-Management-Tools versteifen sich sehr stark auf die Hangneigung als wichtigstes Entscheidungskriterium. Relativ unumstritten ist die 30 Grad Grenze, ab der Lawinen in der Regel erst möglich sind (Ausnahmen bei Gleitschnee und Nassschnee). Dass aber ein linearer oder gar exponentieller Zusammenhang zwischen Hangneigung und Lawinenrisiko besteht ist weniger klar. Deshalb bin ich gegen strikte Empfehlungen wie "45 Grad nur ab Stufe 1" (verleitet zum Umkehrschluss "Es herrscht Stufe 1, also ist ein 45-Grad-Hang sicher") herauszugeben. Letztendlich muss sich jede Einzelhangentscheidung immer aus mehreren Kriterien zusammensetzen und die Hangneigung ist davon nur eines von mehreren.

Messen der Hangneigung

Die Bestimmung der Hangneigung ist nämlich deutlich weniger trivial als es auf den ersten Blick erscheint. Das Messen in der Karte (oder Verwendung einer Karte mit farblich dargestellter Hangneigung) ist m. E. das zuverlässigste Instrument, da dies auch bei schlechter Sicht Ergebnisse liefert. Allerdings sollte man auch bei guten Karten eine Ungenauigkeit von +/-3 Grad einkalkulieren. Das Messen vor Ort ist zwar exakter möglich, allerdings nur in ungefährlichen Hängen die ich betreten kann. Für die Entscheidungsfindung, ob ein Hang sicher ist oder nicht, bringt mir diese Methode also nichts (außer ich habe ihn bereits ein andermal bei sicheren Bedingungen vemessen). Ansonsten muss ich die Hangneigung schätzen, was viel Erfahrung und gute Sichtbedingungen erfordert.

Sichere Tourenziele bei kritischen Lawinenbedingungen


Große Neuschneemengen führen oft kurzfristig zu kritischer Lawinenlage

100%ige Sicherheit gibt es nicht - weder auf Skitour, noch im täglichen Leben. Es gibt aber viele Tourenziele, wo Lawinen so gut wie ausgeschlossen sind oder die Gefahr nur auf sehr kleine, umgehbare Bereiche beschränkt ist. Dass man von einem unter den Schneemassen zusammenbrechenden Baum begraben werden kann oder bei der Abfahrt bei einem Sturz im Tiefschnee ersticken kann, ist aber auch hier möglich, genauso wie ein Autounfall auf schneeglatter Fahrbahn bei der Anreise.

Einige Tourenvorschläge (keine reinen Pistentouren) in den Bayerischen Alpen und angrenzenden Regionen, die auch bei heikler Lawinengefahr noch vertretbar sind, sofern man sich an die Normalroute hält:

  • Blomberg, Zwiesel, Heigelkopf (Rundtour, teils Piste)
  • Sonntratten bei Bad Tölz
  • Brauneck von Wegscheid (teils Piste)
  • Schwarzenberg von Dürnbach
  • Breitenstein vom Winklstüberl
  • Taubensteinsattel, Tanzeck, Brecherspitze W-Gipfel vom Spitzingsee
  • Weinbergerhaus von Kufstein
  • Abereck und Hochries von Frasdorf
  • Mühlhörndl von Sachrang

Weitere Empfehlungen für das Oberallgäu gibt Kristian Rath in diesem Blogbeitrag.

Fazit

Diese Seite soll nicht als Aufruf dienen, sich unbedarft in lawinengefährdetes Gelände zu begeben. Er soll aber aufzeigen, dass es sehr wohl auch bei hoher Lawinengefahr Möglichkeiten gibt, sicher im Gelände unterwegs zu sein, sogar ohne ein ausgewiesener Experte zu sein. Die Fähigkeit,  Skitourenkarten zu lesen, den Lawinenlagebericht und Wetterbericht zu interpretieren und etwas gesunder Menschenverstand reichen bereits. Sofern man sein Ziel sehr vorsichtig und defensiv wählt ist das Lawinenrisiko dann oft sogar geringer als auf bekannten, häufig begangen anspruchsvollen Skitouren bei Lawinenwarnstufe 2.

Und noch ein Tipp: Haltet euch in angespannten Lawinenzeiten von sozialen Medien fern! Nutzt als  Informationsquelle den Lawinenlagebericht und den Wetterbericht (noch besser unkommentierte Wetterkarten) und entscheidet dann für Euch selbst!

Lehrbuch

Lehrbuch Skitouren Lehrschrift Skitouren, Markus Stadler; Bergverlag Rother, 2. Auflage 2015.

 

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