Das Messer als Kletterutensil

26.07.2026 von Markus Stadler
Abseilen im exponierten Gelände
Abseilen im exponierten Gelände, bei ungünstigem Seilverhängen kann hier ein Messer gute Dienste leisten.

Fast jeder Alpinist kennt das Buch oder den Film “Sturz ins Leere”. Darin durchtrennt Simon Yates das Seil zu seinem Partner Joe Simpson, um sich selbst aus einer aussichtslosen Situation zu retten. Eine solche Extremsituation habe ich aber ausdrücklich nicht vor Augen, wenn ich die Mitnahme eines Messers auf Klettertouren empfehle. Es ist zum Glück äußerst unwahrscheinlich, jemals vor der Entscheidung zu stehen, das verbindende Sicherungsseil kappen zu müssen. 

Dennoch gibt es beim Alpinklettern oder Bergsteigen immer wieder Situationen, in denen ein kleines Messer ausgesprochen nützlich sein kann. Wer häufig in Mehrseillängenrouten, alpinem Gelände oder auf wenig begangenen Abseilpisten unterwegs ist, wird früher oder später auf Probleme stoßen, die sich mit einem Messer schnell und sauber lösen lassen. Einige typische Beispiele möchte ich im Folgenden vorstellen. Zum Schluss gibt es noch ein paar Gedanken dazu, ob man ein spezielles Klettermesser benötigt oder auch ein gängiges Taschenmesser kaufen kann.

 

Wofür kann ein Messer beim Klettern hilfreich sein?

1. Beschädigte Seilabschnitte entfernen

Fleißige Sportkletterer kennen das Problem: Ein Seil verschleißt durch häufiges Stürzen auf den ersten paar Metern vor dem Ende sehr schnell, während der Rest des Seils noch einwandfrei ist. Spätestens wenn der Mantel an der ersten Stelle aufplatzt, muss man es kürzen. So wird aus einem 80-Meter-Seil im Laufe der Zeit durch stückweises Abschneiden der beschädigten Enden irgendwann ein 60- oder gar 50-Meter-Seil. Oft passiert es dann bei einem Sturz ins Seil, dass der Seilmantel so aufreißt, dass man mit diesem Seil nicht mehr weiterklettern will oder kann. Im Klettergarten, wo man am Boden steht und die Routen umlenkt, ist das kein größeres Problem. Schlimmstenfalls ist der Klettertag damit beendet. Bei einer Mehr-Seillängen-Sportkletterroute ist es aber auf jeden Fall sehr praktisch, wenn man direkt vor Ort ein Messer zur Hand hat, um das Seil versorgen zu können. Es gibt aber auch andere Situationen, in denen ein Seil so stark beschädigt werden kann, dass man es kürzen muss. Ein Beispiel ist das Abseilen über scharfe Felskanten, wodurch die Beschädigung oft gleich auf den ersten Metern auftritt. Auch Steinschlag ist ein häufiger Grund für Seilbeschädigungen.

2. Entfernen von alten Bandschlingen und Reepschnüren

Der häufigste und offensichtlichste Grund für ein Klettermesser beim Alpinklettern sind Abseilstellen oder Standplätze. Besonders in alpinen Routen sammeln sich an Köpfln, Sanduhren oder in Standplätzen aus mehreren Haken häufig zahlreiche alte Bandschlingen und Reepschnüre an. Viele davon sind ausgeblichen, spröde oder beschädigt. Um hier neues, sicheres Material hinzufügen zu können, muss oft zuerst das alte Material entfernt werden, das durch die engen Hakenösen oder Sanduhren gefädelt ist. Generell ist es oft sinnvoll, die alten Reste zu entfernen, um den Standplatz übersichtlich neu einzurichten. Ich fand einmal in einer gebohrten Kletterroute am Stand ein so dickes, stark gealtertes Seilstück in den Laschen, dass kein Karabiner mehr in die Bohrhakenlasche passte. In dem Fall gab es dann nur die Optionen, eine dünne Dyneema-Schlinge in die Laschen zu fädeln oder das Seilstück zu entfernen.

3. Schlingenmaterial zurechtschneiden

Dieser Anwendungsfall schließt sich nahtlos an Punkt 2 an. Wenn man an einem Fixpunkt oder Standplatz neues Material anbringt, dann wird man selten eine Reepschnur oder ein Seilstück in exakt der richtigen Länge dabei haben, sondern es für die Gegebenheiten vor Ort zurechtschneiden.

4. Festhängende Seile bergen

Die vorangegangenen Probleme kommen relativ häufig vor, treten aber meistens in eher entspannten Situationen auf und lassen sich oft auch weniger elegant lösen, wenn gerade kein Messer zur Hand ist. Etwas anders ist die Situation dann gelagert, wenn sich das Seil beim Abseilen während des Abziehens verhängt. Sofern es sich überhaupt nicht abziehen lässt und noch beide Seilstränge zur Hand sind, kann man zumindest noch einmal nach oben prusiken. Aber wenn es bereits abgezogen wurde und sich ein Seilende irgendwo an unerreichbarer Stelle verklemmt hat, dann kann guter Rat teuer sein. Dummerweise gehen solche Situationen oft mit anderen Stressfaktoren einher, wie abnehmendem Tageslicht oder aufziehendem Schlechtwetter. Mit einem Messer kann das Problem oft in wenigen Sekunden durch das Opfern von ein paar Metern Seil gelöst werden.

5. Sonstige Notfälle und Improvisationen

Wie bei vielen Ausrüstungsgegenständen gilt auch für Messer: Man braucht sie selten, aber wenn man sie braucht, dann sofort. Ein Messer kann bei Erste-Hilfe-Maßnahmen hilfreich sein, etwa um Verbandsmaterial zuzuschneiden. Darüber hinaus kann es bei Reparaturen aller Art oder bei anderen ungeplanten Situationen wertvolle Dienste leisten. 

Welches Messer eignet sich fürs Klettern und Bergsteigen?

Für den Einsatz beim Klettern muss ein Messer weder groß noch besonders martialisch sein. Im Gegenteil:

  • möglichst leicht
  • sicher verriegelbar
  • auch mit kalten Fingern oder bedienbar
  • Befestigungsmöglichkeit am Gurt
  • gut geschärfte oder gezahnte Klinge zum Schneiden von Seil und Bandschlingen
  • korrosionsbeständige Materialien (dürfte aber bei allen Markenprodukten selbstverständlich sein).

Speziell als Klettermesser werden die Modelle Petzl Spatha oder Edelrid Rope Tooth angeboten. Es gibt aber verschiedene, ähnliche kompakte Klappmesser, die sich genauso gut eignen. Entscheidend ist weniger die Marke als die Tatsache, dass das Messer sicher transportiert werden kann und im Bedarfsfall schnell verfügbar ist. Auch ein klassisches “Schweizer” Taschenmesser oder ein leichtes Multitool haben ihre Berechtigung, wenn man etwas über das reine Klettern hinausdenkt und zum Beispiel auf einer Unternehmung potenziell reparaturbedürftige Ausrüstung mitführt (Tourenski, Steigeisen, Campingkocher etc.) oder mit dem Fahrrad anreist, wo man vielleicht einmal einen Schraubendreher oder eine Zange benötigen könnte. Egal ob Multitool oder Taschenmesser: Im Shop von knivesandtools findest du dazu eine riesige Auswahl.

Fazit

Ein Messer gehört sicherlich nicht zur unverzichtbaren Grundausrüstung beim Sportklettern. Im ernsten alpinen Gelände sollte aber zumindest ein kleines, leichtes Klappmesser pro Seilschaft im Rucksack sein – im Optimalfall sogar bei jedem Kletterer am Gurt hängen. Ein leichtes Multifunktionsmesser ist zwar etwas schwerer, erweitert aber die Einsatzmöglichkeiten.