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Die Schwierigkeiten mit der Schwierigkeit

17.06.2026 von Markus Stadler
Jule muss sich in Pulse 2000 an der Chinamauer ordentlich anstrengen
Jule Strebl muss sich in Pulse 2000 (9+) an der Chinamauer ordentlich anstrengen

Als Klettertrainer bekomme ich von Einsteigern oft folgende Fragen gestellt: „Wie entsteht die Schwierigkeit(sbewertung) einer Kletterroute? Woran wird der Schwierigkeitsgrad festgemacht? Woher weiß der Erstbegeher (oder der Routensetzer) wie schwierig seine Route ist? Ist der 6. Grad doppelt so schwierig wie der 3. Grad? Ist ein 6er im Fels genau so schwierig wie ein 6er in der Kletterhalle?“, weshalb ich mich seit vielen Jahren mit dem Thema auseinandersetzen muss. Ebenso – aberaus einer anderen Perspektive -  widme ich mich der Bewertungsproblematik in meiner Funktion als Autor von Kletterführern und gelegentlich auch als Erstbegeher von Kletterrouten. Einige Gedanken dazu hab ich vor längerer Zeit für das Vereinsjahrbuch der DAV-Sektion Bayerland zusammengeschrieben, die ich hier im folgenden wiedergeben möchte.

1. Entstehung der Schwierigkeitsbewertung

Seit es Kletterwege gibt, wird versucht, diese zu beschreiben. Zur Orientierung reicht im Prinzip eine Wegbeschreibung aus. Allerdings bringt eine solche dem Kletterer nicht allzu viel, wenn er den Anforderungen nicht gewachsen ist. Daher wurde bereits bei den ersten Kletterführern versucht die Schwierigkeiten in die Routenbeschreibung mit einfließen zu lassen. Anfangs behalf man sich mit sehr willkürlichen Attributen wie „schwierig“ „anstrengend“ „senkrecht“ oder „luftig“. Gelegentlich verglich man auch bereits einzelne Routen, es hieß dann z. B. „Route Z ist leichter als Route X, aber schwieriger als Anstieg Y“.

Damit war bereits der erste Schritt hin zu den heutigen Schwierigkeitsskalen gemacht. Auch wenn erst noch keine Schwierigkeitsgrade verwendet wurden, bildeten sich einheitliche Kategorien heraus, denen die einzelnen Routen zugeordnet wurden, für das obige Beispiel etwa

  • „leicht“ für Route Y,
  • „mäßig schwierig“ für Route Z
  • „schwierig“ für Route X.

Erst viel später wurden diese Schwierigkeitskategorien dann mit numerischen Graden versehen. Vor allem nach der Öffnung der Skala über den 6. Grad hinaus hatte das den Vorteil, dass man sich keine weiteren haarsträubenden Bezeichnungen für schwierigere Grade einfallen lassen musste, nachdem der 6. Grad bereits „äußerst schwierig“ war. Parallel zu dieser Schwierigkeitsbewertung in den Ostalpen (aus der die heutige UIAA-Skala hervorging) entwickelten sich in ähnlicher Weise jeweils eigene Bewertungsskalen in den verschiedenen Felsklettergebieten weltweit. Da in den Jugendjahren des Felskletterns die Mobilität längst nicht so ausgeprägt war wie heute, kletterten die meisten Kletterer nahezu ausschließlich in ihren Heimatgebieten und hatten so auch nur die Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Routen des Gebiets. So hat das Elbsandstein seine eigene Skala, genauso wie die Nordamerikanischen Klettergebiete, England oder Australien. Hier gibts eine Vergleichstabelle der verschiedenen Schwierigkeitsskalen.

2. Bewertungspraxis

Wie kommen nun heutzutage die Schwierigkeitsbewertungen zu Stande? Das Empfinden der Schwierigkeit wird immer subjektiv unterschiedlich sein und auch von äußeren, objektiven Faktoren (Wetter, Absicherung etc.) beeinflusst. Folglich kann eine aussagekräftige Routenbewertung immer nur ein Durchschnitt aus vielen subjektiven Meinungen über einen längeren Zeitraum sein.

Bei bestehenden Routen wird die über die Jahre aus vielen Meinungen und Begehungen austarierte Schwierigkeitsangabe aus den erhältlichen Kletterführern oder in Online-Topos übernommen. Wenn eine Route oft geklettert wird und die Kletterführer mit Sachkenntnis und Engagement erstellt wurden, sollte es sich um eine Bewertung handeln, die mehr oder weniger akzeptiert wird und dann auch auch als Referenz für andere Routen dient. Trotzdem wird es immer Leute geben, die eine Bewertung als „zu hart“ oder „zu weich“ einstufen, aber wenn sich diese Meinungen die Waage halten, ist das ein Zeichen, dass der Schwierigkeitsgrad in Ordnung geht. Überwiegt jedoch eine Seite wesentlich und ist es offensichtlich, dass die Route in Bezug auf vergleichbare Anstiege falsch angegeben ist, muss eine Umbewertung in Erwägung gezogen werden. Allerdings kann natürlich jede Route selbst auch als Referenz für andere Routen dienen, weshalb vor allem die neueren Routen an die älteren angepasst werden sollten, damit sich das Bewertungsgefüge nicht zu sehr verschiebt. Ändert man die Bewertung einer seit Jahrzehnten als Referenzroute etablierten Kletterei, müssen in der Folge oft viele weitere Routen, bei deren Bewertung auf die Referenzroute Bezug genommen wurde, ebenfalls angepasst werden.

Das ist eines der Probleme, die vor allem in den letzten Jahren aktuell geworden sind. Viele Kletterer starten ihre Karriere in neuen, modernen Routen und wenden sich erst nach und nach den Klassikern zu. Da die Tendenz generell eher zu softerem Bewerten geht (siehe Punkt 4), werden sie dann in den älteren Routen oft von härteren Gradangaben überrascht. Anstatt die falsche Bewertung der neuen Route anzuzweifeln wird eine Aufwertung des Klassikers gefordert.

Aber wie kommt eine neue Route zu ihrem Schwierigkeitsgrad, wenn kein Führer eine Bewertung vorgibt? Üblicherweise schlägt der Erstbegeher einen Schwierigkeitsgrad vor, den er anhand des Vergleichs mit ähnlichen Routen ermittelt. Sind die Wiederholer mit diesem Vorschlag einverstanden, wird er sich etablieren, andernfalls wird er korrigiert. Spätestens nach 5 – 10 Wiederholungen sollte sich eine Bewertung herauskristallisieren, die für zukünftige Kletterer und auch für die Veröffentlichung in Kletterführern als verbindlich gelten sollte. Bei wenig wiederholten Routen kann sich allerdings eine falsche Bewertung oft über viele Führer-Neuauflagen hinziehen, da meist der Vorschlag der Erstbegeher übernommen wird sofern man nichts Gegenteiliges mehr hört.

3. Bewertungsunterschiede von alpinen Routen und Sportkletterrouten

Der Routencharakter sollte möglichst keinen Einfluss auf die Schwierigkeitsangabe haben. Theoretisch sollte eine Kletterstelle im 7. Grad in der Kletterhalle genauso schwierig sein wie ein 7er im Gebirge. Aber kann man überhängende Henkelkletterei an der Kunstwand mit dem Höherschrubben in einem Off-width-Riss (z. B. Pumprisse) vergleichen? Die sächsische Rissspezialistin wird den Pumprissen vielleicht eine lächerliche VI zugestehen, während ein 9er-Plastik-Kletterer möglicherweise keine Chance hat. Im Gegenzug kann es aber durchaus möglich sein, dass die starke Sächsin in einem steilen Hallensiebener ihre Probleme hätte, wenn sie ihre Klettertage ausschließlich in den Rissen des Elbsandsteingebirges zubringt. Daran sieht man bereits die starke Spezialisierung im Klettern – während in einzelnen Bereichen oft Spitzenleistungen erreicht werden, kommt man in anderen Disziplinen kaum über das Niveau des Durchschnittskletterers hinaus.

Die guten Allrounder sind selten: Je stärker der Routencharakter von dem Gewohnten abweicht, um so kleinere Brötchen müssen meist gebacken werden. Das bedeutet aber deshalb nicht, dass die Schwierigkeitsangabe falsch sein muss. Bei längeren und alpinen Routen kommt darüber hinaus hinzu, dass zusätzliche Anforderungen erfüllt werden müssen, die die persönliche Grenze mehr oder weniger stark herabsetzen. Nach einem anstrengenden Zustieg, in der x-ten Seillänge, mehrere Meter über dem letzten Klemmkeil kann kaum jemand ähnlich komplexe Bewegungen oder harte Züge absolvieren, wie im Klettergarten nach 5 Minuten Zustieg und wenige Meter über dem Boden, den letzten Bolt in Kniehöhe. Trotzdem erwarten die meisten Kletterer auch in langen Gebirgsrouten, dass sich eine Stelle ähnlich anfühlen muss wie der gleiche Schwierigkeitsgrad im Klettergarten. Müssen sie sich mehr anstrengen, dann wird die Route als „zu hart bewertet“ angesehen. Andererseits wurden vor allem die „Pionierrouten“ - also jeweils die ersten Routen eines Schwierigkeitsgrades (Pumprisse, Frustlos...) - eher hart bewertet um das Auswerfen eines neuen Schwierigkeitsgrades zu rechtfertigen. Dadurch kommen dann oft krasse Bewertungsunterschiede zustande, was ich mit einigen Beispielen aus dem Wilden Kaiser untermauern möchte.

Beispiel 1: Fleischbank, Rebitsch-Spiegl (7) und Totenkirchl-Sockel, Firstclass (7/7+ - ursprünglich mit 8- bewertet) - obwohl Zustieg und Absicherung bei beiden ähnlich sind, fällt der Mehrheit der Kletterer die Firstclass deutlich leichter. 

Beispiel 2: Fleischbank, Wiessner-Rossi (6+) und Wildangerwandl „Traumtänzer“ (7-). Nimmt man bei der Wiessner-Rossi nur den Teil bis aufs Band ist die Kletterlänge relativ vergleichbar, der Zustieg etwas länger, die Absicherung nicht ganz so üppig, dafür aber etwas leichter bewertet. Trotzdem wird man bereits am Band deutlich geforderter ankommen als am Ende des Traumtänzers, wenn man alle Stellen Rotpunkt geklettert ist. Und wer das 17m-Wandl und den Ausstiegriss noch dranhängt, der sollte am Wildangerwandl noch eine zweite Route im Grad 6+ klettern und danach einen objektiven Vergleich ziehen…

Beispiel 3: Fleischbank, Frustlos (8-) und Leuchsturm Südwand „Sex'n Bolts & Rock'n Roll“ (8+)

Die Frustlos als erste 8- im Kaiser ist besonders hart bewertet. Obwohl sie überwiegend mit Keilen und Friends abzusichern ist, sind es insbesondere die reinen Kletterschwierigkeiten, die ins Auge stechen. Obwohl beinahe einen Grad schwieriger bewertet, sind die Kletterstellen in der Leuchsturmroute kaum härter. Kann man jedoch hier einen Vergleich ziehen, wenn man in der Frustlos aus anstrengenden Positionen nach dem richtigen Klemmgerät suchen muss während in der Sex'n Bolts nur Haken geklinkt werden müssen? Ich denke, zumindest der Nachsteiger sollte das gut beurteilen können, weil für ihn die Absicherung kaum noch eine Rolle spielt. 

4. Trend in der Schwierigkeitsbewertung

Während im High-End-Bereich, also bei den schwierigsten Routen genau darauf geachtet wird, was der Konkurrent so treibt und überbewertete Routen meist mit großer Genugtuung abgewertet werden, sieht die Sache im unteren und mittleren Level deutlich anders aus. Generell kann ein eindeutiger Drang zu „humaner“ Bewertung festgestellt werden. Wer heutzutage in einem frisch eingerichteten Sportklettergebiet unterwegs ist, wird überrascht sein, wie „gut“ er doch klettert, da purzeln die Schwierigkeitsgrade nur so. Allerdings wird der selbstkritische Kletterer beim Urlaub auf Kalymnos, in vielen Gebieten Spaniens aber auch in vielen neuen Gebieten in anderen Ländern (auch hierzulande) mindestens einen Drittel- bis teilweise einen kompletten UIAA-Grad abziehen müssen, um auf eine realistische Aussage zu kommen. Noch heftiger fallen die Überbewertungen in manchen Kletterhallen.

In der oft utopischen Hallenbewertung (besonders im Softmover-Level bis 6 oder 7) liegt aber meiner Ansicht nach einer der Gründe für diesen Trend, denn dahinter steckt Methode. Teilweise bekommt das Personal sogar die Order, aus Marketing-Gesichtspunkten Bewertungen auszugeben, die den Kunden schnelle Erfolgserlebnisse vermitteln. Dass die Realität am Fels anders aussieht bekommen viele der solchermaßen Gelackmeierten oft gar nicht mit. Entweder verlassen sie die Kunstwand sowieso nicht oder sie schieben es auf die großen Unterschiede in der Art der Kletterei, dass sie am Fels 2 oder 3 Grade schlechter klettern. Aber selbst diejenigen, die viel am Fels klettern, tendieren sicherlich dazu die Felsrouten unterbewusst mit den oft hoffnungslos überbewerteten Hallenrouten zu vergleichen.

Ein weiterer Grund liegt im Wesen des Sportkletterns, das Leistungsniveau kontiniuerlich zu steigern, bzw. steigern zu wollen. Solange man tatsächlich besser wird ist alles o.k. - aber stagniert die Leistung über einen längeren Zeitraum, dann sind gerne unterbewertete Routen der Grund dafür, dass keine höheren Grade erreicht werden. Bei Erstbegehungen, wo der Schwierigkeitsgrad erstmal selbst festgelegt wird, wird dann gerne etwas großzügig verfahren. Das gilt umso mehr, da das Einrichten von Routen für manche eine Lebensaufgabe darstellt, die sie bis ins Rentenalter fortführen. Der Begriff “Altersmilde” trifft dann oft nicht nur auf die zunehmend bessere Absicherung seiner eigenen Neutouren, sondern auch auf die ausgegebene Bewertung zu. Wer will sich schon eingestehen, dass die Fitness mit 70 vielleicht etwas nachgelassen hat?

5. E-Bewertung

Wie oben bereits erläutert, sollte die Schwierigkeitsbewertung unabhängig von Absicherung und sonstigen psychischen Komponenten sein. In fast allen modernen Kletterführern wird allerdings versucht auch diesem Aspekt in irgendeiner Weise gerecht zu werden – zu groß sind mittlerweile die Unterschiede zwischen sportkletterähnlich eingebohrten Routen und den immer weniger werdenden naturbelassenen, alpinen Wegen.

Während in piktogrammlastigen Führern oft eine oberflächliche Sternchenbewertung für die Absicherung angegeben ist, habe ich in meinen Kaiserführern versucht, das ganze etwas feiner zu gliedern. Keine Haken bedeuten noch lange nicht, dass eine Tour gefährlich sein muss – der erfahrene Alpinkletterer hat viele Möglichkeiten sich seine Tour abzusichern. Allerdings muss er sich dafür an die Gegebenheiten des Geländes halten. Hier liegt oft der feine Unterschied zwischen schlecht abgesicherten und schlecht absicherbaren Touren.

Es gab bereits viele Ansätze, eine allgemein anwendbare E-Bewertung zu entwerfen – allerdings konnte sich keine wirklich durchsetzen. Zum Einen sind die Anforderungen einer Grit-Kletterei in England mit dem Walkerpfeiler genauso wenig in einer Zahl vergleichbar wie bei einer 1000-Meter-Route an der Civetta mit der 5-Seillängenroute am Wildangerwandl. Andererseits sind die verschiedenen Ernsthaftigkeits-Skalen oft nicht auf Anhieb zu durchschauen. Kurzzeitig liebäugelte ich mit der „Dolomiten-Skala“, stieß aber bei der Umsetzung auf Probleme und verwarf die Idee wieder.

Schlussendlich hab ich für den Kaiserkletterführer eine eigene Ernsthaftigkeits-Skala angelegt. Diese reicht von perfekt bis zumindest gut ausgerüsteten Klettereien (E1 bis E2), über unzureichend bis kaum abgesicherte, aber gut absicherbare Routen (E3 bis E4) bis hin zu schlecht absicherbaren und gefährlichen Wegen (E5 bis E6). Wer viel im Kaiser klettert und die E-Bewertung einzelner Routen miteinander vergleicht wird auch bald ein Gefühl für den Unterschied zwischen E2 und E3 bekommen. Darüber hinaus darf aber die individuelle Beschreibung und Charakterisierung einer Route nicht vernachlässigt werden, wo der Kletterer zwischen den Zeilen oft noch viel über die zu erwartenden Anforderungen herauslesen kann.